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Verdichtung im Siedlungsgebiet: Ein gutes und ein schlechtes Beispiel aus dem Kanton Appenzell Ausserrhoden

Das Raumplanungsgesetz schreibt die Entwicklung nach innen vor. Nun sind die Gemeinden daran, ihre planerischen Grundlagen zu überarbeiten. Der Ausserrhoder Heimatschutz fordert eine bessere Bauqualität. Nicht überall wird dies heute umgesetzt.
Claudio Weder
Moderne Architektur neben traditioneller Bauweise: So könnte Verdichtung mit Qualität laut dem Ausserrhoder Heimatschutz aussehen. Hier im Bild: die Wohnüberbauung auf der Vögelinsegg bei Speicher. (Bild: Claudio Weder)

Moderne Architektur neben traditioneller Bauweise: So könnte Verdichtung mit Qualität laut dem Ausserrhoder Heimatschutz aussehen. Hier im Bild: die Wohnüberbauung auf der Vögelinsegg bei Speicher. (Bild: Claudio Weder)

Ob in Teufen, Wolfhalden oder Herisau: Neubausiedlungen schiessen in Appenzell Ausserrhoden wie Pilze aus dem Boden. Innere Verdichtung lautet dabei das oberste Gebot. Dies verlangen sowohl das Bundesgesetz über die Raumplanung als auch der kantonale Richtplan. Die Gemeinden haben nun begonnen, ihre planerischen Grundlagen zu überarbeiten (siehe Box).

Eva Louis, Architektin aus Stein und Obfrau des Ausserrhoder Heimatschutzes, beobachtet die Entwicklung interessiert. Und sie zeigt sich besorgt: «Angesichts der zunehmenden Verdichtungsprozesse in Siedlungsgebieten ist vor allem wichtig, dass die Qualität der Siedlungen erhalten bleibt oder verbessert wird», sagt sie. Auch die Identität eines Ortes dürfe nicht unter Verdichtungsvorhaben leiden. Gefordert wird ein bewussterer Umgang mit der Bautradition.

«Doch nicht überall im Kanton wird diese Forderung auch in die Tat umgesetzt», sagt Louis. Ein Beispiel dafür sei die Wohnüberbauung Kronenwiese in Wolfhalden. Die moderne Anlage aus dem Jahr 2016, die aus drei mehrstöckigen Häusern mit brauner Eternitfassade und Flachdach besteht, liegt an leichter Hanglage auf der gegenüberliegenden Strassenseite der evangelischen Kirche. Von den drei Häusern befindet sich eines sogar noch in der Ortsbildschutzzone, die zwei übrigen in deren Sichtbereich.

Urbaner Charakter statt Appenzeller Tradition

Laut dem Baureglement der Gemeinde Wolfhalden gelten für Bauten und Anlagen, die sich in der Ortsbildschutzzone oder aber im Sichtbereich von architektonisch, gestalterisch oder geschichtlich wertvollen Stätten, Bauten und Bauteilen befinden, erhöhte Anforderungen: «Diese Bauten und Anlagen haben sich in Bezug auf ihre Gesamtwirkung so in die landschaftliche und bauliche Umgebung einzugliedern, dass eine gute Einpassung in das Orts-, Strassen- und Landschaftsbild erreicht wird», heisst es dort. Als Kriterien gelten die Stellung und Volumetrie der Bauten, die Dachform, die Wirkung von Materialien und Farbe sowie die Umgebungsgestaltung.

«Kriterien, die beim Bau der Wohnüberbauung Kronenwiese jedoch weitgehend unberücksichtigt blieben», kritisiert Eva Louis. «Diese Gebäude könnten überall stehen.» Architektonisch gliedere sich die Überbauung nicht ins Ortsbild, das Bauvolumen sowie einzelne Elemente – etwa das Flachdach oder die Anordnung und Proportionen der Fenster – würden eher an urbanen Grossraum erinnern, nicht aber an Appenzeller Bautradition.

Die Überbauung Kronenwiese in Wolfhalden sei zu urban, findet der Ausserrhoder Heimatschutz. (Bild: Claudio Weder)

Die Überbauung Kronenwiese in Wolfhalden sei zu urban, findet der Ausserrhoder Heimatschutz. (Bild: Claudio Weder)

Gemäss der kürzlich herausgegebenen Arbeitshilfe des Kantons braucht Verdichtung zudem bewussten Freiraum. Deshalb sei es wichtig, zwischen den Gebäuden gezielt Flächen in Form von Wegen, Plätzen oder Grünflächen freizuhalten. «Die Freiräume sollten Platz für Begegnungen schaffen und zudem Durchblicke in den Landschaftsraum gewähren», sagt Louis. Bei der Überbauung Kronenwiese etwa sei der Freiraum insbesondere zwischen den hinteren beiden Häusern der Überbauung für die Anwohner kaum als Begegnungsort erlebbar. «Die Grünfläche musste einem Parkplatz weichen.» Durch die Betonfläche werde der urbane Charakter der gesamten Überbauung nochmals verstärkt. Zudem sei – durch das Setzen einer zirka drei Meter hohen Betonwand, die den Parkplatz begrenzt – auch in den natürlichen Verlauf des Terrains eingegriffen worden.

Bauherren sollen Mitverantwortung tragen

Während der Fahrt durchs Appenzellerland gibt es allerdings auch gute Beispiele zu entdecken. So etwa die drei Häuser der Wohnüberbauung auf der Vögelinsegg bei Speicher, gleich gegenüber der Berit-Klinik. Positiv fallen Eva Louis das Giebeldach, das Fassadenmaterial (Holz), die vertikale Ausrichtung der Aussenverkleidung sowie der horizontale Verlauf der Bänder und Fensterfronten auf. Ebenso hebt die Architektin den zentralen, einladenden Platz mit Grünfläche, Bänklein und zwei Bäumen, hervor. «Die Durchblicke zwischen den Häusern sind garantiert, niemand blickt von seiner Wohnung aus auf Betonmauern, sondern zum Bodensee oder ins Grüne. Was nicht nur auf die einzigartige Lage der Bauten zurückzuführen ist, sondern auch darauf, dass die Bauvolumen richtig gesetzt wurden.» Bei der Umgebungsgestaltung seien zudem heimische Pflanzen benutzt wie auch ein Brunnen integriert worden, der an ein altes Dorfbild erinnere.

Viel Grün und viel Platz für Begegnungen: Die neue Wohnüberbauung auf der Vögelinsegg bei Speicher ist laut Heimatschutz ein Vorbild für Verdichtung mit Qualität. (Bild: Claudio Weder)

Viel Grün und viel Platz für Begegnungen: Die neue Wohnüberbauung auf der Vögelinsegg bei Speicher ist laut Heimatschutz ein Vorbild für Verdichtung mit Qualität. (Bild: Claudio Weder)

Dem Heimatschutz gehe es letztlich nicht darum, modernes Bauen zu verunmöglichen, betont Eva Louis. Im Gegenteil. Um den Charakter eines Dorfes oder einer Siedlung zu erhalten, sei es aber wichtig, dass man trotz modernem Erscheinungsbild vertraute Elemente in der Bauweise entdecken könne.

«Denn Bauen ist nicht nur Privatsache, sondern auch von öffentlichem Interesse. Jeder Bauherr sollte eine Mitverantwortung für die Kulturlandschaft tragen.»

Die gesetzlichen Grundlagen dazu seien vorhanden, sagt Louis. Warum diese aber – wie etwa am Beispiel Wolfhalden ersichtlich – vielfach nicht umgesetzt werden, liege darin begründet, dass es sich bei den im Baureglement genannten Kriterien um «weiche» Vorschriften handelt, die zu viel Interpretationsspielraum offenliessen. Der Heimatschutz könne dabei nur als beratende Instanz wirken. «Wir informieren die Gemeinden und Fachleute, erarbeiten Lösungsvorschläge für die Baukultur, bringen uns kritisch ein.» Die Umsetzung der baulichen Vorgaben liege aber letztlich in den Händen der Baubewilligungsbehörden der jeweiligen Gemeinden.

Entwicklungshilfe für die Gemeinden

Nun sind die Ausserrhoder Gemeinden gefordert: Aktuell müssen sie ihre Planungsinstrumente anpassen, um die kantonalen und nationalen Vorgaben umzusetzen. Sie haben dafür fünf Jahre Zeit. Vorausgegangen ist ein längerer Prozess: 2013 nahm das Schweizer Stimmvolk mit grosser Mehrheit das revidierte Raumplanungsgesetz an. Seit dem 1. Mai 2014 ist es Kraft. In der Folge überarbeitete das Ausserrhoder Parlament 2017 den kantonalen Richtplan und 2018 das Baugesetz. Diese gelten seit Anfang dieses Jahres.

Ziel der gesetzlichen Anpassungen ist ein haushälterischer Umgang mit dem Bauland. Es darf nur dem Bedarf der nächsten 15 Jahren entsprechen. Die Siedlungsentwicklung richtet sich also weitestgehend nach innen. Der Kanton Appenzell Ausserrhoden greift den Gemeinden unter die Arme. Er hat nun eine informative Broschüre zur Innenentwicklung im Siedlungsgebiet herausgegeben. Es richtet sich primär an Gemeindebehörden, Bauverwaltungen sowie an Planungs- und Architekturbüros. Allerdings ist sie auch für interessierte Laien lehrreich, zeigt sie sie doch eindrücklich auf, wie hoch die Anforderungen für eine gekonnte Verdichtung sind, um etwa die Identität der Dörfer zu sichern.

Die Arbeitshilfe ist in mehrere Kapitel unterteilt. Eines ist beispielsweise der Förderung der gestalterischen Qualität gewidmet. Dabei spielt der bewusste Einsatz von Freiraum eine ebenso grosse Rolle wie der Terrainverlauf und die Ensemblewirkung. (dsc)

Hinweis: Die Broschüre kann online unter www.ar.ch/innenentwicklung heruntergeladen werden.

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