VERBINDUNG: Die Adern eines Staates

Strassen und Bahnen verbinden mehr als nur die eine Stadt mit der anderen. Sie verbreiteten Kultur, Wissen und trieben die Wirtschaft an. Die Entwicklung verlief jedoch keineswegs gradlinig.

Jonas Manser
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Der überladene Zug steckt in der Ruckhaldenkurve oberhalb St. Gallen fest: Die Passagiere müssen aussteigen. Ein Bild aus dem Jahr 1937. (Bild: Staatsarchiv Appenzell Ausserrhoden)

Der überladene Zug steckt in der Ruckhaldenkurve oberhalb St. Gallen fest: Die Passagiere müssen aussteigen. Ein Bild aus dem Jahr 1937. (Bild: Staatsarchiv Appenzell Ausserrhoden)

Jonas Manser

jonas.manser@appenzellerzeitung.ch

Der Strassenbau mag heutzutage eine Selbstverständlichkeit sein. Dieser kam jedoch erst nach dem Mittelalter, Anfang des 18. Jahrhunderts, wieder auf. So auch im Appenzellerland: Der Appenzeller Chronist Bartholome Tanner schrieb, dass im Appenzellerland ein regelrechter «Strassengeist» walte. Die Jahre 1850 bis 1860 stellen einen wichtigen Abschnitt in der Geschichte des appenzellischen Verkehrswesens dar. Zum ersten Mal wurden das Postwesen zentralisiert und die Binnenzölle aufgehoben, schreibt Walter Schläpfer im Buch «Appenzeller Geschichte Band II». Es flossen bedeutende Bundesgelder in eine kantonale Strassenkasse. Der daraus entstandene finanzielle Zuschuss ermöglichte den Einfluss auf die Entwicklung des Strassenwesens. Bis ins Jahr 1850 waren noch die Gemeinden für die Strassen zuständig. Doch die Last wurde oft auf die Bodenbesitzer abgewälzt, «welche es sich so bequem als möglich machen und den Kot seit der Sündflut liegen lassen», wurde es niedergeschrieben. Nur die Strassen nach St. Gallen waren in einem guten Zustand. Innerhalb des Kantons waren die Dörfer nur durch Saumwege und «Knottergässchen» miteinander verbunden.

Bahnen durch das Appenzellerland

Den Strassen folgten 1875 die ersten Bahnlinien im Appenzellerland: Ins Hinterland führte eine schmalspurige Bahn der Schweizerischen Gesellschaft für Localbahnen von St. Gallen Winkeln nach Herisau über Waldstatt bis nach Urnäsch. Ins Vorderland gelangte man über die normalspurige Zahnradbahn Rorschach–Heiden. Am 30. September 1889 startete der Eröffnungszug der Gaiserbahn vom Bahnhof St. Gallen über Teufen nach Gais. Bei der Linienführung von St. Gallen nach Teufen sorgte die Ruckhalden-Strecke bei den Ingenieuren für schlaflose Nächte. Die flach und dann wieder steil ansteigenden Abschnitte bereiteten technische Schwierigkeiten. Als Lösung schlug Maschineninspektor Adolf Klose einen Lokomotivtyp für gemischten Adhäsions- und Zahnstangenbetrieb vor. Für die Abschnitte von über 45 Promille Steigung wurde ein Leiterzahnstangensystem verwendet, welches Klose selbst entworfen hatte. 80 Meter Höhendifferenz entlang einer Kurve von 30 Meter Radius bei einer Steigung von 90 Promille: bis heute ein eisenbahntechnisches Wunderwerk. Kurz nach Eröffnung zog es grosse Aufmerksamkeit auf sich. Fachleute aus aller Welt besichtigten die Kurve. Darunter auch der Direktor der Kaiserlichen Japanischen Staatsbahnen, der im Jahr 1893 nach St. Gallen kam, um die Anwendbarkeit dieser Lösung für die fernöstlichen Verhältnisse zu prüfen. Und tatsächlich wurde kurze Zeit später am 1. April 1893 eine Zahnradbahn in Japan in Betrieb genommen. Heutzutage wird die Strecke nicht mehr befahren, ist aber trotzdem noch bekannt als die erste Zahnradbahn von Japan.

Willi Müller, Präsident des Museumsvereins Appenzeller Bahnen, kennt sich bestens mit der Geschichte der Bahnen aus. Die Drahtzieher hinter dem Errichten der Strecke St. Gallen–Gais seien die damaligen Vereinigten Schweizerbahnen gewesen, welche primär ausprobieren wollten, wie man eine Bahn durch ein hügeliges Gelände bauen konnte, erzählt er. Vor allem die Textilindustrie und der Tourismus hätten von den Bahnlinien profitiert. Bahnen waren die Neuigkeit schlechthin. Alle, die sich das teure Abenteuer leisten konnten, fuhren in den Alpstein. Der technologische Fortschritt vom Pferdefuhrwerk zur Bahn war ein grosser Sprung, und Waren erreichten rund dreimal so schnell ihr Ziel, so Müller. Obwohl das neue Fortbewegungsmittel volkswirtschaftlich eine wichtige Bedeutung hatte, habe sich das tägliche Leben der Appenzeller wenig verändert. Die Verbindung beider Appenzell habe nicht zu einer «Öffnung» geführt. Auch das Verhältnis zwischen Appenzell Ausserrhoden und St. Gallen habe sich dadurch nicht verbessert. Gesellschaftliche Auswirkungen habe es nur wenige gegeben: «Die Bahn kam rund zwei Generationen zu früh», sagt Müller. Die Gesellschaft sei noch nicht bereit gewesen für diese Art von Mobilität.