VERBINDUNG: Appenzeller, welche die Grenzen überschritten

Der «Armeniervater» Jakob Künzler und der Diplomat Carl Lutz retteten Tausenden Menschen das Leben. Die Friedensstationen im Vorderland würdigen sie und weitere Persönlichkeiten. Auffallend sind deren Gemeinsamkeiten.

Jesko Calderara
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Auf halber Wegstrecke ist der Friedenstisch des Künstlers H. R. Fricker als verbindendes Element platziert. (Bild: CAL)

Auf halber Wegstrecke ist der Friedenstisch des Künstlers H. R. Fricker als verbindendes Element platziert. (Bild: CAL)

Jesko Calderara

jesko.calderara

@appenzellerzeitung.ch

Die Friedensstationen verbinden – und das gleich in mehrfacher Hinsicht. Der Themenweg von Walzenhausen nach Heiden erinnert an Personen, die sich stark für Humanität und Menschlichkeit eingesetzt haben. Entlang der Strecke vermittelt jede der zehn Stationen, bei der jeweils ein Würfel zum Verweilen einlädt, Informationen zur einer Friedenspersönlichkeit. Solche gab es im ­Appenzeller Vorderland auffallend viele. Das mag wohl eher Zufall gewesen sein. Vielleicht haben allenfalls die Grenznähe und die Fernsicht über den Bodensee ins benachbarte Ausland Einfluss gehabt. Die Geehrten haben oftmals Grenzen überschritten und sogar Unrecht in Kauf genommen, um Menschenleben zu retten. Viele von ihnen stammen zudem aus kirchlichen Kreisen.

Nebst Catharina Sturzenegger (siehe Zweittext) und Rot-Kreuz-Gründer Henry Dunant ist eine Station Jakob Künzler gewidmet. Der gebürtige Hundwiler war Bürger von Walzenhausen. Er arbeitete als Diakon in der Krankenpflege. Im Gebiet der heutigen Türkei fanden in den Jahren 1915 und 1916 blutige Verfolgungen von Armeniern statt. Über eine Millionen Menschen kamen dabei ums Leben. Zusammen mit seiner Frau Elisabeth rettete Künzler, der mit seiner Familie im Libanon lebte, während des Ersten Weltkriegs über 2500 Armeniern das Leben. Auch später setzte er sich für Verfolgte ein. So organisierte Künzler, der bis heute international als der «Armeniervater» gilt, 1922 die Ausreise von 8000 armenischen Waisenkindern ins französische Mandatsgebiet Syrien und sicherte damit ihr Überleben.

Lutz mit einer der grössten Rettungsaktion

Ein weiteres Thema ist der in Walzenhausen geborene Diplomat Carl Lutz, welcher während des Zweiten Weltkriegs als Vizekonsul von 1942 bis 1945 in Budapest die sogenannte Schutzmachtabteilung der Schweizer Gesandtschaft leitete. Als die deutsche Wehrmacht im Jahr 1944 Budapest besetzte, nahm die Judenverfolgung ihren unheilvollen Lauf. Durch einen geschickten Schachzug gelang es Lutz, über 60000 Menschen zu retten. Dabei setzte er auch das eigene Leben aufs Spiel. Heute gilt sein Engagement als eine der grossen humanitären Rettungsaktionen des 20. Jahrhunderts. Zurück in der Schweiz erwartete Lutz statt Dank und Anerkennung eine Rüge wegen Kompetenzüberschreitung. Erst 1995 wurde der Diplomat rehabilitiert.

Bei einer der Friedensstationen wird die Lebensleistung von Paul Vogt thematisiert, der seine erste Stelle als Pfarrer 1929 in Walzenhausen übernahm. Seiner Ansicht nach waren mangelndes Gottvertrauen und die hohe Arbeitslosigkeit Ursachen der damaligen sozialen Unruhen. Aus diesem Grund kaufte Vogt ein leer stehendes Stickerhaus und funktionierte es zum Arbeiterheim Son­neblick um. Dort wurden Arbeitsprogramme angeboten und das religiöse Zusammenleben gefördert. Weitere Gedenktafeln erinnern an die Friedensaktivisten Willi und Margrit Besmer Kobe, die Flüchtlingshelferin Gertrud Kurz, den Sozialpionier Theodosius Florentini und den Karikaturisten Carl «Bö» Böckli. Den Abschluss bildet die Friedensglocke von Nagasaki beim Dunant-Museum in Heiden. Das Projekt «Friedensstationen», das der Verein Dunant 2010plus initiiert hat, ist weit mehr als ein klassischer Themenweg. Auf der dazugehörigen Webseite ist Hintergrundwissen über die Friedenspersönlichkeiten zu finden. Das Konzept sieht zudem vor, dass die beteiligten Institutionen, wie beispielsweise die Kirche Wolfhalden und das Dunant-Museum, Ausstellungen und geführte Wanderungen zu Themen wie Humanität und Zivilcourage organisieren und damit die Verbindung zur Gegenwart herstellen. Letztlich geht es den In­itianten darum, Friedenspioniere mit einem Bezug zum Appenzeller Vorderland zu würdigen, die mit ihrem Wirken und ihrer Zivilcourage weit über die Landesgrenzen hinaus hohe Anerkennung erworben haben. Das Wissen über sie soll auch für künftige Generationen erhalten bleiben.

Der Start zur humanitäre Zeitreise erfolgt bei der reformierten Kirche Walzenhausen. Anschliessend führt die Route über den «Sonneblick» nach Lutzenberg und Wolfhalden. Gleichzeitig Höhepunkt und Abschluss des Themenwegs ist das Henry-Dunant-Museum in Heiden. Die Strecke ist landschaftlich abwechslungsreich und bietet an mehreren Orten einen herrlichen Rundblick über den Bodensee in die Nachbarländer Deutschland und Österreich. Sie ist auch für mässig trainierte Wanderer innerhalb dreieinhalb bis vier Stunden problemlos machbar. Die Wanderung ist so konzipiert, dass sie auch in kleineren Etappen unabhängig voneinander gelaufen werden kann.