Vegetarier oder Fleischfresser?

Brosmete

Esther Ferrari
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Während einer Radiosendung, in der es um eine Veganerwurst ging, einer Alternative zur St. Galler Bratwurst, sind mir Erinnerungen an einen Onkel gekommen. In seiner Jugend habe er zwei Doppelschüblinge hintereinander verschlingen können, jetzt aber habe er die richtige Ernährung und die richtige Lebensweise gefunden, pflegte er zu sagen. Er ass weder Fisch noch Fleisch, trank keinen Alkohol, plädierte für die Freikörperkultur und vertrat die Knaus-Ogino-Verhütungsmethode, und das anfangs der 1950er-Jahre. Die Pille gab es damals noch nicht. Ich war als Mädchen immer peinlich berührt, wenn er in hitzigen Debatten seine Lehren vertrat. Die Tante, eine Schwester meines Vaters, war die gütigste Frau, die ich kannte. Ob sie in allem die Ansichten ihres Mannes teilte, weiss ich nicht. Sie schwieg. Manchmal kaufte sie ihren Kindern eine Wurst. Auf die Schulreise durften sie immer einen Landjäger mitnehmen. Im Haus wurde kein Fleisch geduldet. Der Onkel behauptete, dass auch seine Katze ausser Mäusen – da es ja ihre Pflicht sei, diese zu fangen – ebenfalls kein Fleisch anrühre. Und er wetterte gegen die Fleischfresser! Er war ein grosser kräftiger Mann, ein aktiver Berggänger und Töfffahrer. Und das bis weit über seinen 70. Geburtstag. Über seine Ernährung weiss ich nur, dass er viel Eier, Käse und Birchermüesli ass. Eines Tages erlitt er einen Schlaganfall und erwachte auf der Intensivstation. Neben ihm sass sein erwachsener Sohn. Mein Onkel griff nach seiner Hand und sagte: «Bitte, bring mir Bündnerfleisch und ein Glas Wein!» Der Sohn zweifelte am Verstand seines Vaters. «Aber Vater!» – «Bitte, bitte», flehte der Vater, «ich brauche es dringend! Ich verspüre so eine Gier!» Die letzten Lebensjahre hat sich mein Onkel nicht ungern an einer Bratwurst und an einem Gläschen Wein erfreut.

Esther Ferrari