URTEIL: «Das kann nicht sein»

Der Stiftung Waldheim ist das Bad-Thema auch bekannt. Stiftungsratspräsident Hans-Rudolf Früh bewertet für uns den Fall Unterrechstein.

Patrik Kobler
Drucken
Teilen
Die Stiftung Waldheim verfügt seit dem letzten Jahr über ein eigenes Therapiebad. (Bild: PD)

Die Stiftung Waldheim verfügt seit dem letzten Jahr über ein eigenes Therapiebad. (Bild: PD)

Patrik Kobler

patrik.kobler

@appenzellerzeitung.ch

Das Urteil sorgte gestern für Schlagzeilen: Das Bad Unterrechstein muss 39000 Franken bezahlen, weil Mitarbeiter 2012 einer Gruppe von Behinderten den Einlass verwehrten. Wir haben Hans-Rudolf Früh um eine Einschätzung gebeten. Der Ausserrhoder alt Nationalrat ist seit über 20 Jahren Präsident der Stiftung Waldheim. Sie pflegt in ihren fünf Wohnheimen im Appenzellerland rund 190 Menschen mit geistiger, körperlicher und psychischer Behinderung. Auf den Fall angesprochen, sagt Früh, dass dieser schon fünf Jahre zurückliege. Seiner Ansicht nach hat sich seither im Umgang mit behinderten Menschen viel verändert. «Behinderte geniessen immer mehr Akzeptanz», sagt er. «Als ich bei der Stiftung Waldheim begann, hat mich jemand gebeten, die Behinderten nicht im Dorf spazieren zu lassen, weil dies den Fremdenverkehr stören würde.» Heute sei mehr Empathie vorhanden. Den Vorfall beim Bad Unterrechstein wertet er als Ausnahme von der Regel. Als Aussenstehender findet er vor allem die offenbar fehlende Gesprächsbereitschaft irritierend. «Es kann ja nicht sein, dass die Kinder der Heilpädagogischen Schule Heerbrugg von den Badmitarbeitern kategorisch abgewiesen wurden», sagt er. «Man hätte wenigstens den Behindertengrad feststellen und dann im Einzelfall entscheiden müssen.» So aber handle es sich um eine Diskriminierung. «Vielleicht hatten manche gar keine schwere Beeinträchtigung», gibt Hans-Rudolf Früh zu bedenken. Allerdings: Er hätte empfohlen, den Besuch vorgängig anzukündigen.

Eigenes Therapiebad in Rehetobel gebaut

Auch die Stiftung Waldheim, die Menschen mit einem Behinderungsgrad zwischen 50 und 100 Prozent betreut, nutzte früher ­öffentliche Hallenbäder. Früh: «Wir hatten ein Abkommen mit dem Hallenbad Speicher.» Seit im vergangenen Jahr das neue Wohnheim Sonne in Rehetobel in Betrieb genommen wurde, verfügt die Stiftung über ein eigenes modernes Therapiebad. Aus der Bevölkerung sind dafür Spenden in der Höhe von 1,2 Millionen Franken zusammengekommen. Generell spürt Hans-Rudolf Früh grosses Wohlwollen den behinderten Mitmenschen gegenüber. Wenn die Stiftung Waldheim etwa ihre Wohnheime der Bevölkerung präsentiere, sei der Besucherandrang immer sehr gross. «Dabei könnte man denken, dass das den Leuten egal ist», sagt er. Diskriminierungen sind ihm keine bekannt. Was auch daran liegen könne, dass die Bewohnerinnen und Bewohner der Stiftung Waldheim immer mit Betreuern unterwegs seien, so Früh.

Seiner Meinung nach gibt es trotzdem immer noch «viel zu tun». So wünscht er sich beispielsweise Arbeitsmöglichkeiten für Menschen mit Behinderungen. Der Unternehmer und ehemalige Präsident des Schweizerischen Gewerbeverbands ist sich bewusst, dass dieser Wunsch in der heutigen Arbeitswelt nicht so leicht erfüllbar ist. Früh ist sich aber sicher, dass es in vielen Betrieben Tätigkeiten gibt, die von Menschen mit Behinderungen gut erfüllt werden könnten.