Urnäsch
Leserbild zeigt verendetes Kalb in Stacheldraht: Zäune gefährden nicht nur Wild-, sondern auch Nutztiere

Ein Wanderer entdeckte oberhalb von Blattendürren ein Kalb, das seiner Meinung nach durch einen Stacheldraht ums Leben kam. Kantonsarzt und Wildhüter äussern sich zum Thema Zäune und Tiere.

Karin Erni
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Das tote Kalb war angefressen und lag wohl schon länger herum.

Das tote Kalb war angefressen und lag wohl schon länger herum.

Bild: PD

Auf einer Wanderung machte ein Leser eine grausige Entdeckung: Am Waldrand oberhalb von Blattendürren in Urnäsch fand er ein totes Kälbchen, dessen Klauen sich offenbar in einem herunterhängenden Stacheldraht verfangen hatten. «Das Tier war verletzt und schon einige Zeit tot, denn der Körper war bereits angefressen. Es hatte wohl einen langen Todeskampf», mutmasst er. Daneben sei noch ein zweites, stark abgemagertes und verschüchtertes Tier gestanden.

Vorfall nicht gemeldet

In der nahegelegenen Bergwirtschaft sei er auf einige Bauern getroffen. Diesen habe er den Sachverhalt geschildert. Sie hätten zugesagt, den Verantwortlichen zu informieren. Er sei anschliessend weitergegangen und habe nach zwei Tagen die Stelle noch einmal kontrolliert, so der Leser, der seinen Namen nicht veröffentlicht haben möchte. «Da waren beide Kälber weg.»

Die Geschichte hat sich im Oktober zugetragen. Er habe sie wieder vergessen, bis ihm kürzlich ein Artikel über die im Kanton St.Gallen hängige «Stopp Tierleid»-Initiative den Vorfall wieder in Erinnerung gerufen habe, so der Leser. «Da wollte ich den Autor mit meinem Bild darauf aufmerksam machen, dass Stacheldrahtzäune auch Weidetieren Schaden zufügen können.» Er habe schon mehrfach tote Wildtiere gefunden, die sich in Zäunen verfangen hatten, aber noch nie Nutztiere.

Stacheldraht für Rinderweiden zulässig

Sascha Quaile, Kantonstierarzt beider Appenzell.

Sascha Quaile, Kantonstierarzt beider Appenzell.

Bild: PD

Der Kantonstierarzt beider Appenzell Sascha Quaile sagt auf Anfrage, der konkrete Fall sei ihm nicht bekannt. «Ich müsste die genauen Umstände kennen, um ihn beurteilen zu können.» Stacheldrahtzäune seien aus Sicht der Tierschutzgesetzgebung auf Rinderweiden zulässig.

«Unfälle können auf Alpweiden immer mal wieder passieren und sind nicht zwingend auf eine schlechte Tierhaltung zurückzuführen.»

Bei der Pferdehaltung sei das Einzäunen der Weide mit Stacheldraht dagegen verboten, so Quaile. «Pferde sind Fluchttiere und könnten sich an einem solchen Zaun stark verletzen.» Bei Kühen und Rindern komme das viel seltener vor. Zahlen dazu würden aber keine erhoben. Grundsätzlich sei es so, dass ein Tierhalter oder ein Alpverantwortlicher die Pflicht habe, das Vieh täglich zu kontrollieren, ob es gesund sei. Das gelte insbesondere für trächtige Kühe, wenn Geburten anstünden, so Quaile.

Wenn der Leser damals eine Meldung ans Veterinäramt gemacht hätte, wäre umgehend eine Kontrolle der Weide erfolgt und allenfalls wären Massnahmen angeordnet worden, so der Kantonstierarzt. «Unsere Aufgabe besteht darin, mögliche Missstände in der Tierhaltung zu beheben und den gesetzeskonformen Zustand wiederherzustellen.» Liege ein gröberer Gesetzesverstoss vor, sei das Veterinäramt zudem verpflichtet, Strafanzeige zu erstatten. Hätte der fragliche Leser damals direkt Anzeige bei der Polizei gemacht, hätte diese im Strafrecht ermittelt.

Wildhüter sieht Problem an einem anderen Ort

Silvan Eugster, Wildhüter Appenzell Ausserrhoden.

Silvan Eugster, Wildhüter Appenzell Ausserrhoden.

PD

Für den Ausserrhoder Wildhüter Silvan Eugster sind nicht per se die Stacheldrahtzäune das Problem für Tiere, sondern schlecht unterhaltene Einfriedungen im Allgemeinen. «Am schlimmsten sind Flexinetz-Weidezäune, die nicht mehr unter Strom stehen und nicht sofort abgebaut werden. Wenn diese nicht mehr gespannt sind oder gar auf dem Boden liegen, können sich die Wildtiere darin verheddern. Manchmal können wir sie daraus befreien. Oft muss man die Tiere aber erlösen, weil sie schon zu sehr geschwächt sind.» Aber auch einfache Litzenzäune, die herunterhängen oder unsachgemäss entsorgte Stacheldrähte könnten für die Wildtiere zur Falle werden. Es gebe jedes Jahr mehrere solche Vorfälle im Kanton, sagt Eugster.