UNTERWASSER: Liebe und Kurzschlüsse

Dass Kleinkunst auch im Sommer ein Publikum findet, beweist der Zeltainer jedes Jahr aufs Neue. Am Freitag mit Flurin Caviezel, einem Kabarettschwergewicht.

Michael Hug
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Michael Hug

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Wer kurz vor acht am Freitagabend auf den sehr gut belegten Parkplatz vor dem Zeltainer fuhr, ahnte Schlimmes: «Ups, ist wohl ausverkauft heute?» Doch an der Kasse gab’s die Entwarnung: «Kein Problem, es hat noch Platz!» Die vielen Autos auf dem Parkplatz seien wegen der Vollmondfahrt auf den Chäserrugg da, lautete die Erklärung. Vollmond (der so voll jedoch noch gar nicht war) oder Kurzschluss – das war die Fragestellung für das ausgehfreudige Publikum im Obertoggenburg am Freitagabend. Die einen entschieden sich für Unterhaltung im Tal, die andern für den Sternenhimmel auf dem Berg. Beide hatten ihren Spass.

Es braucht Widerstand, damit es nicht «klepft»

«Kurzschluss» heisst das neue Programm des Bündner Kaba­rettisten Flurin Caviezel. Er sei ­jeweils ein Kurzentschlossener, wenn es um ein Engagement im Zeltainer gehe, sagte Martin «Zeltino» Sailer bei der Begrüssung.

Programm-Nomen est omen – witzelte Caviezel und tat, als ginge es bei dieser Vorstellung nur darum, sich kurz zu zeigen – «ä klii Kunscht z mache» – und dann gleich Schluss zu machen. Doch weit gefehlt, der Bündner kam schon nach wenigen Augenblicken auf die Bühne zurück und erklärte das Phänomen des Kurzschlusses: «Du hebsch Plus und Minus zämma und scho klepft’s!» Es brauche Widerstand da­zwischen, damit es eben nicht «klepft», das sagen schon die Grundlagen der Elektrizitätslehre. Widerstand brauche es aber nicht nur beim Strom, sondern auch im Leben.

Ein einziger Riesenkurzschluss

Was wäre, wenn alle gehorchen würden, niemand sich widersetzte, niemand der Politik Widerstand entgegensetzte. «Wenn’s z wenig Widerstand gitt, denn brennat d Sicherige duure.» Auch beim Klimawandel: «Äs wird immer wärmer und z’mol klepft’s!»

Einen einzigen Riesenkurzschluss wird es geben, wenn man der Entwicklung nicht Widerstand entgegensetze. Aber Kurzschlüsse gäbe es auch in anderen Bereichen des Lebens, vorab in Beziehungen: «Mengmol klepft’s au i der Liebi.» Schon das Verlieben sei ein einziger Kurzschluss: «Zwüschet Härz und Kopf funkt’s, und scho isch es passiert. Ä Kurzschluss und scho bisch verliebt!» Doch dann vergehen ein paar Jahre, und es komme zu Kurzschlüssen ganz anderer Art. Kurzentschlossen werde dann geschieden.

Sprechende Steinböcke in der Hauptrolle

Und so erklärt Flurin Caviezel die Welt, die ein einziger Kreislauf sei wie der Strom, der fliessen muss, aber Widerstände braucht, da er sonst explodiert.

Zwischendurch erzählt er schön-schräge Geschichten, die nichts mit Kurzschlüssen zu tun haben, aber wunderbar unterhalten. Er lässt seinen besten Freund Nicolin einen Film drehen, in dem das Heidi und der Schellen­ursli die Hauptrolle spielen, zwei sprechende Steinböcke, die Nebenrollen bekommen und der Geissenpeter ein «Gschleik» mit Klara hat.

Einer, der sich explizit freischaffend nennt

Schräge Einfälle, kluge Erkenntnisse, fesselnde Geschichten – das sind die Markenzeichen des Kabarettisten Flurin Caviezel. Der sich explizit als «freischaffend» bezeichnet: «Äs git au fixbesoldete Kabarettiste, nur merket’s die maischte Politiker nitt!» Caviezel muss es wissen, er war einst fünf Jahre Leiter des Amtes für Kultur des Kantons Graubünden.