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Ungewollte Einsamkeit

Brosmete
Martin Hüsler

Er imponiert mir, dieser Giovanni Mongiano. Vom Schauspieler konnte man lesen, dass er im norditalienischen Gallarate auf die Bühne trat, obwohl die Aufführung, in der er offenbar die tragende Rolle verkörpert, niemanden interessierte. Lediglich die Regieassistentin und die ohne Arbeit gebliebene Kassiererin hätten zugeschaut, wie sich Giovanni Mongiano ohne jegliche Abstriche durchs Stück deklamierte. Ihm sei das eine Herzensangelegenheit gewesen, liess er hinterher verlauten. Für das, was dem Schauspieler widerfahren ist, gibt es auch andere Beispiele. Zu gewissen Zeiten sieht man im Nationalratssaal vorne am Rednerpult hin und wieder eine einsame Person, die tapfer ein Manuskript herunterleiert und sich dabei offensichtlich an leere Stühle zu richten scheint. Sind allenfalls in den Sitzreihen doch vereinzelte Ratsmitglieder anwesend, lesen sie entweder die Zeitung oder arbeiten am Tablet. Mit gähnender Leere müssen auch die Fussballer der Zürcher Grass­hoppers zurechtkommen. Bei ihren Heimspielen im Letzigrund ist ausser der gegnerischen Mannschaft, den Schieds- und Linienrichtern, den Balljungen und dem Platzwart kaum noch jemand anderer vor Ort. Man hat sich scheint’s schon überlegt, die wenigen Zuschauer über Lautsprecher einzeln zu begrüssen.

Ähnliche Szenen können sich aber auch in umgekehrtem Sinn abspielen. Ich erinnere mich an eine Pressekonferenz aus den 1990er-Jahren in St. Gallen, da ich als einziger Vertreter der schreibenden Zunft fünf Referenten gegenübersass. Angesichts der doch ziemlich übersichtlichen medialen Anwesenheit erwogen die Veranstalter, die Pressekonferenz, welche unter solchen Umständen diesen Namen natürlich kaum noch verdiente, abzublasen. Sie zogen sie schliesslich dann aber gleichwohl in der vorgesehenen Form durch, womit ich in den Genuss von fünf Referaten kam – ich ganz allein.

Martin Hüsler

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