Umwege sind auch Wege

Brosmete

Esther Ferrari
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Letzte Woche war ich eingeladen, in Hallau eine Lesung zu halten. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, den ganzen Tag, und nicht nur den vorgesehenen Nachmittag, in dem hübschen Klettgauer Weindörfchen zu verbringen. Einen Spaziergang wollte ich machen und ein paar Kartons Hallauer kaufen. Stattdessen war ich wie immer «im Schuss». Den Wunsch nach Hallauer musste ich verschieben. Obwohl ich glaubte, den Weg ins Schaffhausische zu kennen, fuhr ich schon auf dem Hinweg falsch. Das Zentrum von Schaffhausen hätte ich umgehen sollen. Diese vielen Baustellen! Irgendwo hier, im Kantonsspital, hatte ich vor über einem halben Jahrhundert für ein paar Monate gearbeitet. Die alte Hallauerin kam mir in den Sinn, die nach einer Operation Himmel und Hölle beschwor, ihr zum Zmorge allermindestens ein Vierteli Hallauer zu bringen, ansonsten sie das Spital nicht mehr lebend verlassen könne. Der damalige Chefarzt, ein Innerrhoder, hatte es ihr gegen die damaligen Vorschriften schmunzelnd gestattet. Die über Neunzigjährige erholte sich in kurzer Zeit. Der Munot! Vor lauter Verkehr konnte ich kaum einen Blick auf ihn werfen. «Auf des Munots altem Turme!» Die Mutter einer Freundin hatte das Lied mit schmelzender Stimme auf der Zither begleitet. Erinnerungen! «Klinge Munots Glöckelein!» Ich erreichte Hallau, das Lied immer noch in den Ohren. Der Nachmittag verflog im Nu. Mitten im Feierabendverkehr machte ich mich beschwingt - ohne Hallauer im Blut oder im Gepäck – auf den Heimweg. Der Tafel «Zürich» folgend, hoffte ich auf eine baldige Spur zur Autobahn. Es war dunkel, die Strassen waren nass. Ich fuhr ohne Zeitgefühl, summte das Munotsglöcklein. «Klinge, bim bam bum». Ich kam zum Zoll. Waldshut! Das durfte nicht wahr sein! Umwege sind auch Wege. Wie oft hatte ich dies im Leben erfahren. Trotzdem nahm ich mir vor, das nächste Mal ein Navi mitzunehmen.

Esther Ferrari