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Umsteigen auf tansanisch

Nachdem die 100jährige «Liemba» auf dem Tanganjikasee nach 29 Stunden Verspätung doch noch in See stach, berichtet Michael Hug in dieser zweiten Folge seines Reiseabenteuers vom Leben während der dreitägigen Überfahrt. Den ersten Stop habe ich verpasst.
Michael Hug
Umladen auf dem Tanganjikasee: Auch bei stürmischem Wetter keine Schwimmwesten oder Helme. (Bild: Michael Hug)

Umladen auf dem Tanganjikasee: Auch bei stürmischem Wetter keine Schwimmwesten oder Helme. (Bild: Michael Hug)

Nachdem die 100jährige «Liemba» auf dem Tanganjikasee nach 29 Stunden Verspätung doch noch in See stach, berichtet Michael Hug in dieser zweiten Folge seines Reiseabenteuers vom Leben während der dreitägigen Überfahrt.

Den ersten Stop habe ich verpasst. Nachdem die gutgelaunten Zweitklasspassagiere auf dem Korridor endlich auch schlafen gingen, reichte es für mich noch zu einigen Stunden Schlaf. Den zweiten jedoch erwische ich gerade noch vor dem Frühstück. Nicht dass ich etwa hätte aussteigen müssen – doch das Umsteigen auf diesem Schiff ist nicht nur für die Umsteigepassagiere, sondern auch für die Zuschauenden ein Erlebnis der besonderen Art.

Werben um Passagiere

Etwa eine Meile vor der Küste lässt Kapitän Titus die Motoren drosseln. Während der Anker von der Winde rasselt, laufen am Ufer die Dorfbewohner zum Strand. Kräftige junge Männer rudern ihre Boote auf den See, andere werfen die Motoren an. Kaum sind die Boote an der «Liemba» angelangt, geht ein heissblütiges Werben um die Passagiere los. Niemand interessiert sich für deren Gepäck, erst sollen zahlende Passagiere ins eigene Boot gelockt werden. Denn gratis ist dieser Abholservice nicht, die Fischer am Tanganjikasee verdienen sich an diesem Tag ein kleines Zubrot. Die «Liemba» kommt schliesslich nur alle zwei Wochen vorbei. Es gibt jedoch keinen Hafen, keine Mole, also wird auf dem See umgeladen. Bei leicht stürmischem See, wie heute, kann das ziemlich spektakulär aussehen. Und ganz ungefährlich ist die Sache auch nicht.

Keine Wege und Strassen

Niemand trägt eine Schwimmweste. Die Umsteigepassagiere sind Angehörige von Fischerfamilien, die keinen Schilling zu viel haben. Ohnehin unternimmt niemand eine Fahrt zu viel. Wenn ein Arzt aufgesucht werden muss, wenn Verwandte dringend besucht werden müssen, oder wenn man die getrockneten Fische zum Markt in Sambia bringen muss – das sind Gründe, um mit der «Liemba» zu fahren. Wege oder Strassen durch den dichten Busch gibt es fast keine, ein Auto hat sowieso niemand. So unternehmen also Fisch- und Früchtehändler, Mütter mit Kleinkindern oder ältere Leute die nicht gerade komfortable Fahrt mit dem einzigen Linienschiff, das die Fischerdörfer auf der tansanischen Seite des Sees regelmässig bedient, mehr oder weniger gezwungenermassen. Weil sich jeder kennt, sind die Plätze auf den Zubringerbooten also schon ausgehandelt. Doch das wilde, laute Weibeln ist auch Ausdruck der Freude. Sind Ware und Passagiere an Bord, wird oft eine kurze Melodie angestimmt. Mancher – Frauen halten sich zurück – gibt einfach nur hörbar seinem Stolz Ausdruck, den Umstieg geschafft, die Mutter, die Schwester, die Maissäcke oder das neue Motorrad an Bord gebracht zu haben.

Die heuer 100jährige «Liemba» verkehrt seit den Dreissigerjahren als Linienschiff auf dem Tanganjikasee. Die deutschen Erbauer hatten sie im 1. Weltkrieg selber versenkt. 1927 wurde sie von den Engländern, den neuen Kolonisten in Ostafrika, gehoben und in Dienst gestellt. Mehrere Renovationen und Generalüberholungen hat sie hinter sich, seit Mitte des Jahrhunderts besitzt sie anstelle der Dampfmaschinen zwei Dieselmotoren. Die Fahrt über die rund 600 Kilometer dauert im Normalfall knapp drei Tage und erfolgt nur alle zwei Wochen. Die Zeit dazwischen dient der Kompensation von Verspätungen. Zwischenzeitlich hat die «Liemba» auch regelmässig Flüchtlinge aus Burundi in Flüchtlingslager nach Tansania gebracht. Doch seit sich in Burundi der Bürgerkrieg gelegt hat, steht das Schiff wieder ausschliesslich für zahlende Passagiere zur Verfügung.

Reservieren ist angesagt

Oft fahren auch Touristen mit, sagt Kapitän Titus. Doch kein Reisebüro organisiert den Trip. Ein online-Buchungssystem kennt die staatliche Reederei MSCL (die noch weitere acht Schiffe auf dem Victoriasee betreibt) nicht. 100 Dollar kostet die dreitägige Fahrt. Reservieren ist dringend angesagt. Denn sonst vergibt Captain Titus die Plätze unter der Hand an Einheimische. Touristen steigen üblicherweise unterwegs nicht aus. Ausser Martin, der Zürcher Urwaldspezialist. Er lässt sich von einem Ranger des «Mahele Mountain National Park» abholen. Der pensionierte Wissenschaftler betreut dort seit 18 Jahren ein Neophytenprojekt und besucht den Park einmal jährlich: «Nach 15 Jahren habe ich endlich ein Methode gefunden, die betreffenden Bäume nachhaltig zu eliminieren.» Wie? «Man schält die Rinde auf 20 Zentimetern Breite vom Stamm und gibt alle paar Wochen zünftig Gift in die Blösse.» Die Neophyten (nicht einheimische Pflanzen) kämen übrigens aus Südamerika: «Wie das ging – keine Ahnung!»

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