Ukraine-Krise
«Privit», Herr Bildungsdirektor: Alfred Stricker besucht in Herisau eine Willkommensklasse für Lernende aus der Ukraine

150 Kinder und Jugendliche aus der Ukraine werden aktuell in Appenzell Ausserrhoden unterrichtet. Das bringt für das System Schule grosse Herausforderungen. Wie diesen begegnet wird, darüber informierte der Vorsteher des Departementes Bildung und Kultur anlässlich eines Schulbesuchs.

Mea McGhee
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Der Ausserrhoder Bildungsdirektor Alfred Stricker besucht in Herisau eine Willkommensklasse für Kinder aus der Ukraine.

Der Ausserrhoder Bildungsdirektor Alfred Stricker besucht in Herisau eine Willkommensklasse für Kinder aus der Ukraine.

Bild: Mea McGhee

«Das ist schwarz», sagt der achtjährige Matvey und streckt Alfred Stricker einen Farbstift hin. Vom Ausserrhoder Bildungsdirektor gibt es dafür ein Daumen hoch. Und er fragt sogleich nach dem ukrainischen Wort für «Hallo». «Privit», antwortet Matvey und strahlt. Stricker besucht am Freitagmorgen mit Kantonsratspräsidentin Claudia Frischknecht eine Willkommensklasse im Schulhaus Landhaus in Herisau, um einen Eindruck zu erhalten, wie der Schulunterricht für die Kinder und Jugendlichen aus der Ukraine im Kanton angelaufen ist. Letztere zeigt sich von der positiven Stimmung im Klassenzimmer beeindruckt und sagt:

Claudia Frischknecht, Kantonsratspräsidentin AR.

Claudia Frischknecht, Kantonsratspräsidentin AR.

Bild: PD
«Das Miteinander und die Offenheit der Kinder zu sehen, ist berührend.»

Appenzell Ausserrhoden beherbergt, gemessen an der Bevölkerungszahl, derzeit schweizweit am meisten Schutzsuchende aus der Ukraine. Der Anteil der Kinder und Jugendlichen im schulpflichtigen Alter ist entsprechend hoch. Von einem Kind Anfang März ist die Zahl der ukrainischen Lernenden innert acht Wochen auf 150 angestiegen. Seit zwei Wochen sei die Zahl stabil, ein Hinweis auf den Planungshorizont aller Beteiligten, sagt Stricker.

Lernende in 18 von 20 Ausserrhoder Gemeinden

Unterrichtet werden die Kinder und Jugendlichen in 18 der 20 Gemeinden. Einige wurden in Regelklassen integriert, in Herisau, Teufen und Heiden gibt es Willkommensklassen, in denen intensiv Deutsch gelernt wird. Das dritte, vom Kanton erarbeitete Szenario, sieht vor, dass die Schülerinnen und Schüler in separaten Gruppen Deutsch lernen und die restliche Unterrichtszeit eine Regelklasse oder ukrainischen Fernunterricht besuchen. In den Ausserrhoder Gemeinden kommen alle drei Szenarien oder auch Mischformen zur Anwendung, je nach Anzahl der ukrainischen Kinder.

20 Prozent mehr Lernende in einer Woche

In manchen Wochen betrug der Zuwachs an Lernenden aus dem Kriegsgebiet 20 Prozent. «Das stellt das System Schule vor grosse Herausforderungen», sagte der Bildungsdirektor anlässlich der Medieninformation im Anschluss an den Schulbesuch. Und weiter:

Alfred Stricker, Bildungsdirektor AR.

Alfred Stricker, Bildungsdirektor AR.

Bild: PD
«Zentral wichtig für die Kinder und Jugendlichen sind das Erlernen von grundlegenden Kenntnissen der deutschen Sprache in Wort und Schrift, der hiesigen Kultur sowie eine verlässliche Tagesstruktur.»

Es gehe darum, ein tragfähiges Lernumfeld zu schaffen, das Sicherheit in der unsicheren Situation biete, so der Bildungsdirektor.

Schwierige Personalsuche

In Herisau gibt es zwei Willkommensklassen, eine für die 4- bis 8-Jährigen und eine für die 9- bis 16-Jährigen. An diesem Morgen sind einige der Kleinen krank, statt 15 sind nur 8 Kinder da. Klassenassistentin Alina Tochenyuk erteilt ihnen den Auftrag, Bilder auszuschneiden und die passenden Begriffe darunter zu schreiben. Sie lebt seit zweieinhalb Jahren in der Schweiz, spricht Deutsch, Ukrainisch und Russisch und sei daher eine grosse und wichtige Unterstützung, sagt Lehrer Lukas Pfiffner. Er ist wie viele Berufskolleginnen und -kollegen aus der Pension zurückgekehrt. Genügend zusätzliche Lehrpersonen zu finden, sei für die Schulleitungen eine Herausforderung, sagte Michael Häberli, Abteilungsleiter Ressort Schule in Herisau.

Die Klassenassistentin informiert mittels Chat

Im Schulzimmer fühle sie sich wie ein Fisch im Wasser, sagt Alina Tochenyuk. Die ausgebildete Pädagogin übt ihre Aufgabe in Herisau mit grossem Engagement aus. Mittels Schulhandy hat sie einen Chat eingerichtet, über den sie den Erziehungsberechtigten viele Informationen zukommen lässt. Das Schweizer Schulsystem unterscheide sich ein wenig von jenem der Ukraine. Hier werde spielerischer gelernt, die Lehrpersonen seien weniger streng und strikt. Das würden die Kinder schätzen, so die Klassenassistentin. Seitens der Mütter erfahre sie immer wieder Dankbarkeit.

Klassenassistentin Alina Tochenyuk erteilt zwei Mädchen einen Auftrag.

Klassenassistentin Alina Tochenyuk erteilt zwei Mädchen einen Auftrag.

Bild: Mea McGhee

Situation erfordert Flexibilität

Die Kinder und Jugendlichen aus dem Kriegsgebiet taumelten zwischen unterschiedlichen, starken Eindrücken ihrer Erlebnisse, der Sorge um die Zurückgelassenen und ihrer Situation fern der Heimat. Verarbeiten, vergessen, sich einleben, teilhaben am Leben in der Schweiz, müsse bewältigt werden, sagte Alfred Stricker. Die Lehrerinnen und Lehrer trügen mit ihrem Engagement zur Integration bei. Die Lehrpersonen und die Volksschulen werden durch das Amt für Volksschule und Sport unterstützt. Dieses koordiniert die schulischen Massnahmen zur Bewältigung der Flüchtlingskrise und stellt die Vernetzung der beteiligten Stellen sicher. Die Lehrpersonen können eine spezifische Weiterbildung besuchen und die Schulen erhalten nebst dem Leitfaden zur Schulung von Flüchtlingen Unterrichtsmaterial zur Verfügung gestellt. Die Situation erfordere von allen Beteiligten Flexibilität. Im Departement Bildung und Kultur würde derzeit die Planung für die Zeit nach den Sommerferien vorangetrieben, so Alfred Stricker.

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