Übertriebene Nachrichtenbeiträge

In der Septemberausgabe der Nachrichten des Vereins gegen Tierfabriken (VgT) um Initiator Erwin Kessler werden einem Schweinezuchtbetrieb in Stein «KZ-artige Verhältnisse» vorgeworfen. Ein spontaner Besuch zeigt aber ein weit weniger dramatisches Bild.

Bruno Eisenhut
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Bild: BRUNO EISENHUT

Bild: BRUNO EISENHUT

STEIN. «Erwin Kessler und seine Leute sind sich gar nicht bewusst, was sie mit ihren falschen Beiträgen alles kaputt machen», erwidert Ueli Tanner, auf den Artikel in der Septemberausgabe der Nachrichten des Vereins gegen Tierfabriken (VgT)angesprochen. Deren Herausgeber ist Tierschützer Erwin Kessler. In diesem Artikel werden Ueli Tanners Zuchtbetrieb und andere Mastbetriebe im Toggenburg wegen «KZ-artiger Verhältnisse» in ihren Stallungen an den Pranger gestellt. Verbotene Zustände, die von den Tierschutzbeamten geduldet werden, sollen im Schweinestall mit Muttertieren herrschen, heisst es im Mitteilungsblatt weiter.

Nachts in Stall eingebrochen

«Mein Stall steht allen offen», sagt Ueli Tanner. «Auch Erwin Kessler vom VgT würde ich durch den Stall führen und mit ihm, wenn überhaupt möglich, ein konstruktives Gespräch führen.» Beim Betreten eines Stalles bestehe aber die Gefahr, und das weiss Tanner aus eigener Erfahrung, dass Bakterien hineingebracht werden. Besonders in einem Zuchtstall mit neugeborenen Ferkeln kann das fatale Folgen haben. Das heimliche Eindringen der Vertreter des VgT bezeichnet Ueli Tanner darum auch schlicht und einfach als «eine Frechheit». Sie seien in der Nacht ohne Anmeldung und Erlaubnis in den Stall eingebrochen, hätten die ruhenden Schweine aufgeschreckt und im Dunkeln die Schweinebuchten abgelichtet. Ob sie zuvor in einem anderen Stall gewesen seien, oder anschliessend in einen weiteren Stall gegangen seien, wisse er zudem nicht. Er habe in jüngster Zeit mehrere Todesfälle, verursacht durch Kolibakterien, bei Ferkeln gehabt. Ueli Tanner will die Einschleppung der Krankheit in seinen Stall nicht den Tierschützern unterstellen. Vollkommen ausschliessen kann er es aber auch nicht. In seinem September-Nachrichtenblatt erhebt der VgT den Vorwurf, dass den Tieren die vorgeschriebenen Beschäftigungsmöglichkeiten fehlen. Gar von verhaltensgestörtem Kannibalismus ist die Rede. Mit Bildern von Schweinen, eingepfercht in Kastenständen und in Dunkelheit lebend, wird der Vorwurf noch verstärkt. Während eines Betriebsrundgangs öffnet Schweinezüchter Ueli Tanner sämtliche Türen im Stall. «Ich erfülle die Tierschutznormen», erklärt er. Seit er den Stall im Jahr 2000 gekauft hat, habe er, um den Anforderungen des Gesetzes gerecht zu werden, rund 1,2 Millionen Franken investiert.

Tanner spricht während der Führung von einer schmalen Gratwanderung zwischen Wirtschaftlichkeit und Tierwohl. Er sei mit diesen Investitionen Verpflichtungen eingegangen. Verpflichtungen gegenüber den Banken, gegenüber seinem Vollzeitangestellten, aber auch seiner eigenen Familie gegenüber. Die Abferkelbuchten (das Geburtszimmer der Schweine) liess Tanner im Zuge dieser Anpassungen umbauen. Den Mutterschweinen steht nun die doppelte Fläche zur Verfügung, rund 6,5m². Die aktuell gültige Tierschutzverordnung des Bundesamts für Veterinärwesen (BVET) schreibt mindestens 4,5m² vor. Den neugeborenen Ferkeln steht eine Bucht zur Verfügung, in die sie sich zurückziehen können. Ein Wärmekörper heizt diese auf. «Täglich werden die Buchten mit Kurzstroh eingestreut», betont Tanner. Zudem biete er den Schweinen frisches Emd an. «Auch befinden sich in allen Buchten Getränkenippel, wo die Schweine jederzeit Zugang zu Frischwasser haben und sich beschäftigen können», führt Ueli Tanner aus. «Wenn ich sehe, dass eine Massnahme den Schweinen gut tut, dann treffe ich diese gerne. Grundsätzlich jedoch halte ich mich an die gesetzlichen Vorgaben», sagt er.

Schweine und Sauberkeit

Das Tierschutzgesetz sieht vor, dass Abferkelbuchten eine Festfläche von 2,25 m² umfassen müssen. Perforierte Böden, also Spaltenboden, dürfen maximal 5 Prozent ausmachen. Diese Anforderungen werden in den Buchten von Ueli Tanners Stall problemlos erfüllt. Aber: «Schweine kümmern sich wenig um Sauberkeit», so Tanner. Es komme immer wieder vor, dass auf den zusammenhängenden Flächen Kot und Urin liegen. Auch wenn er und sein Mitarbeiter immer wieder auf Kontrollgängen seien, «die Schweine sind oftmals verschmutzt». Und das sei nun mal nicht das Idealbild, welches einem Laien an Ausstellungen oder mit Marketingbildern vermittelt würde. Das ist sich auch Ueli Tanner bewusst.

Hohe Kosten pro Schweineplatz

«Am liebsten wäre mir, wenn ich die Schweine auf die Wiese bis hinauf ins Dorf frei laufen lassen könnte», hält Tanner fest. Das Tierwohl sei auch ihm wichtig. Er spricht aber im gleichen Moment auch die Wirtschaftlichkeit an. In seinem Stall belaufen sich die Bau- und Unterhaltskosten pro Mutterschweinplatz auf rund 15 000 Franken. Die zu erfüllenden Tierschutzanforderungen seien für diesen hohen Betrag mitverantwortlich. Mehr als dreimal weniger kostet gemäss Ueli Tanner ein Mutterschweinplatz im Nachbarland Deutschland. Dass damit in der Schweiz höhere Produktionskosten als bei den Berufskollegen in Deutschland anfallen, bezeichnet Tanner als logisch. Die harten Preiskämpfe unter den Schweizer Detaillisten verfolge er wachsam mit. Den Preisdruck gebe aber leider jeder der Marktteilnehmer nach unten weiter. «Und der Produzent ist am Schluss der Geplagte», so Tanner.

Kontrolle durch Veterinäramt

Das Kantonale Veterinäramt wurde durch Drittpersonen auf die Anschuldigungen in den VgT-Nachrichten aufmerksam gemacht. Kantonstierarzt Sascha Quaile bestätigt auf Anfrage der Redaktion, dass darauf amtliche Tierärzte einen persönlichen Augenschein im besagten Schweinestall nahmen. Es wurden ein paar Mängel festgestellt, erklärt Sascha Quaile. Mängel aber, die sich bei jeder zweiten oder dritten Kontrolle finden lassen und die durch Unachtsamkeiten im Arbeitsalltag entstehen können. Deren Beseitigung sei geplant oder bereits umgesetzt. Mit Nachkontrollen werde das kantonale Veterinäramt den Stallbesitzer weiterhin begleiten. Quaile bezeichnet die Kontrollen als nötige Sofortmassnahmen, aber auch als Schutz für den Tierhalter vor allfälligen falschen Anschuldigungen.

Fall abgeschlossen

Den VgT-Beitrag findet Sascha Quaile als übertrieben und bewusst provokativ dargestellt. Teilweise seien falsche Aussagen gemacht worden. Für Ueli Tanner ist die Sache, wenn auch mit ein wenig Groll auf den VgT, erledigt. «Wie schon gesagt, eine Besichtigung des Betriebs ist möglich. Aus besagten Gründen aber auf Anmeldung und schon gar nicht in der Nacht.» Die Enttäuschung über das Vorgehen des VgT bleibt jedoch. Tanner muss sich aber gegenüber dem Gesetz verantworten, und dessen Anforderungen erfüllt er.

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