Überlebenskünstler sollen überleben

Im Vortrag «Der Wandel der Biodiversität im Wald» kam am Mittwochabend im Thurpark zum Ausdruck, dass Artenförderungsprojekte bei Waldflechten verstärkt in die Praxis umgesetzt werden müssen, um Erfolge zu erzielen.

Sylvia Baumann
Merken
Drucken
Teilen

WATTWIL. Um in die geheimnisvolle Welt der Flechten einzutauchen, engagierten die Natur- und Vogelschutzgruppen Toggenburg Christoph Scheidegger, Leiter der Forschungsgruppe Biodiversität und der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) in Birmensdorf. Silvia Rüegg hiess ihn herzlich willkommen und freute sich speziell über die junge Zuhörerschaft. Der Referent und Flechtenforscher beleuchtete den Wandel der Biodiversität aus der Perspektive von baumbewohnenden Flechten. Seine Beispiele zeigten Möglichkeiten auf, um den Verlust der Biodiversität in Zukunft auch für diese artenreiche Organismengruppe zu stoppen.

Veränderung des Lebensraumes

Im Artenschutz spielen die Flechtenarten bisher eher eine untergeordnete Rolle, nebst den Tier-, Pilz-, und Pflanzenarten. «Über vierzig Prozent der bisher untersuchten baum- und erdbewohnenden Flechtenarten sind gefährdet und die Roten Listen für die Schweiz weisen mehr Flechten als ausgestorben aus, als Säugetiere, Vögel, Reptilien und Amphibien zusammen», so Christoph Scheidegger. Eine Veränderung des Lebensraumes habe meist auch eine Veränderung der Flechtenvorkommen zur Folge. So wurden strukturreiche Waldflächen und Totholz durch eine übermässige Holzentnahme seltener. Weil viele Arten nur langsam wachsen und sich nur über relativ kurze Distanzen ausbreiten können, führen diese Veränderungen der Lebensräume oft zu einem Verlust der Arten. «Davon sind vor allem jene betroffen, welche auf die Borke alter Bäume oder auf charakteristische Strukturelemente von Altwäldern angewiesen sind», erklärte der Referent. Interessant für die Zuhörerschaft war zu erfahren, mit welch gezielten Massnahmen die Förderung von Flechten betrieben wird. So zeigte Christoph Scheidegger Aufnahmen, wo wenige Millimeter grosse Stücke Baumwollgaze auf einer Borke fixiert und vegetative Ausbreitungseinheiten der zu fördernden Flechtenart eingebettet wurden. «Diese Massnahmen brauchen viel Zeit und reichen natürlich nicht, um beispielsweise langfristig die gefährdete Flechtenart zu erhalten», betonte der Referent mit dem Hinweis, dass Flechtenindividuen oft Jahrzehnte benötigen, um ein grösseres Vorkommen zu entwickeln.

Doppelwesen aus Pilz und Algen

«Flechten schädigen den Baum auf keine Art und Weise. Sie entpuppen sich bei der mikroskopischen Betrachtung als Doppelwesen aus Pilz und Alge, die in dieser Symbiose dauernd miteinander leben und voneinander profitieren. Der Pilz beliefert die Alge mit Wasser und mineralischen Nährstoffen. Umgekehrt betreiben die Algen Photosynthese und liefern dem Pilzpartner zuckerähnliche Verbindungen als Nahrung», so eine von vielen interessanten Ausführungen des Referenten.