ÜBERGABE: Förster ist Ansprechperson für alle

Seit dem 1. Oktober arbeitet Ruedi Bösch als Förster im Revier Stockberg, Nesslau. Er folgt auf Ernst Aerne, der pensioniert wird. Die zwei Experten sprechen über die Fortschritte in den letzten Jahrzehnten und über die Ansprüche an den Wald.

Sabine Schmid
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Die gemeinsame Zeit im Wald endet Ende Oktober: Ernst Aerne (links) übergibt das Forstrevier Stockberg an Ruedi Bösch. (Bild: Sabine Schmid)

Die gemeinsame Zeit im Wald endet Ende Oktober: Ernst Aerne (links) übergibt das Forstrevier Stockberg an Ruedi Bösch. (Bild: Sabine Schmid)

Neu ist das Revier Stockberg für Ruedi Bösch nicht. Während seiner zweijährigen Ausbildung an der Försterschule in Maienfeld hat er alle drei Praktika im Försterbüro in Nesslau absolviert. Dadurch bekam er Einblick in alle vier Forstreviere im Obertoggenburg. Dazu kennt er das Forstrevier Lichtensteig von seiner Ausbildung als Forstwart. «Dass ich jetzt die Nachfolge von meinem Praktikumsleiter Ernst Aerne antreten kann, ist ein Glücksfall», strahlt Ruedi Bösch. Anfang Jahr wurde die Stelle ausgeschrieben, Ruedi Bösch hat sie am 1. Oktober angetreten. Nur gerade fünf Tage, nachdem er die Försterschule abgeschlossen hatte.

Bis Ende Oktober ist auch Ernst Aerne noch im Forstrevier tätig, danach geht er in Pension. «Ich bereite mich darauf vor, indem ich immer weniger Tage arbeite und Ruedi immer mehr Aufgaben übertrage», sagt er. Während mehr als 38 Jahren war Ernst Aerne der Revierförster. Zuerst während vieler Jahre im Forstrevier Krummenau. 2009 wurden die Reviere im Toggenburg neu strukturiert. Dabei ging die Kreisalpenkorporation Krummenau-Nesslau an den Forstbetrieb Obertoggenburg. Dafür kamen Gebiete am Stockberg aus dem ehemaligen Revier Nesslau dazu. Daraus resultiert die neue Revierbezeichnung Stockberg. Diese Veränderung war für Ernst Aerne nicht sehr einschneidend. «Viele Leute, die am Stockberg Wald besitzen, besitzen auch Parzellen in meinem früheren Gebiet, daher kannte ich sie schon», erzählt er. Vom Waldbild her gebe es keine Unterschiede.

Früher nur Fichten und Rottannen

Viel kann Ernst Aerne aus seiner Zeit als Revierförster erzählen. Bei der Erntetechnik sei die Mechanisierung enorm gewesen. «In meiner Anfangszeit wurden die Stämme mit Schlitten oder Pferden aus dem Wald geholt und unsere Seilbahnen waren einfach. Heute gehen wir mit grossen Maschinen in den Wald, die teilweise von Computern gesteuert werden, und nutzen vermehrt den Helikopter.» Überhaupt habe der Computer auch im Wald Einzug gehalten. Der Förster gehe immer mehr auch mit digitalen Erfassungsgeräten in den Wald, womit er gleich die Holzlisten erfassen könne, sagt Ruedi Bösch. Für ihn ist es normal, dass er im Büro mit dem Computer arbeitet. Ernst Aerne hat die Anfänge der Holzdatenbank auf dem Computer miterlebt. Seinen ersten Bürocomputer habe er selber gekauft, erinnert er sich.

Doch nicht nur der Arbeitsalltag des Försters hat sich verändert, auch der Wald. «Früher ­bestand ein Mischwald aus Fichten und Rottannen», sagt Ernst Aerne schmunzelnd. Erst mit der Zeit wurde die Weisstanne gefördert, um den Wald stabiler zu machen. Heute ist Biodiversität ein Ziel, es werden mehr Baum- und Pflanzenarten angestrebt. Bäume gepflanzt hat Ernst Aerne schon lange nicht mehr. «Wir arbeiten nur mit Naturverjüngung und erhalten genügend Bäume», sagt er. Der Wald, wie er ihn seinem Nachfolger hinterlässt, gefällt ihm.

Der Wald ist multifunktionell

Ruedi Bösch ist sich bewusst, dass der Wald vielen Ansprüchen genügen muss, quasi multifunktionell ist. «Mir liegt der ökologische Aspekt sehr am Herzen, aber diesen muss ich mit den wirtschaftlichen Interessen verbinden», sagt der Hobby-Ornithologe. Dazu kommt, dass der Wald verschiedene Funktionen erfüllen muss, vom Lebensraum für Tiere bis zu den Ansprüchen des Menschen mit Holznutzung, Schutz vor Naturgefahren und Erholung. Ruedi Bösch sieht seine Aufgabe als Förster darum unter anderem darin, die verschiedenen Interessengruppen zu verbinden und für sie Ansprechpartner zu sein.

Die Tragweite seiner Entscheidungen als Förster hat Ruedi Bösch bereits erfahren, als er zum ersten Mal selber Bäume für einen Holzschlag gezeichnet hat. «Ich bin mir bewusst, dass wir innert wenigen Minuten einen Baum fällen, der vielleicht während über 100 Jahren dort gestanden hat.»