Über Jahrzehnte beschäftigt

Die Ansiedelung von Unternehmen hat Waldstatt viele Arbeitsplätze gebracht. Jetzt rückt die Lebensqualität in den Fokus. Ein Bauprojekt soll mehr günstigen Wohnraum schaffen.

Johannes Wey
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«Leben und arbeiten, wo andere Ferien machen» – Die rund 1800 Einwohnerinnen und Einwohner Waldstatts schätzen vor allem die Lebensqualität. (Bild: dsc)

«Leben und arbeiten, wo andere Ferien machen» – Die rund 1800 Einwohnerinnen und Einwohner Waldstatts schätzen vor allem die Lebensqualität. (Bild: dsc)

waldstatt. 1987 verlegte Hans-Peter Ramsauer, Gemeindepräsident von Waldstatt, seinen Arbeitsort von Schaffhausen nach Herisau. Als Wohnort suchte er einen kleinen, ruhigen Flecken in der Nähe, aber unbedingt auf Appenzeller Boden. «Ich dachte, wenn ich schon wieder nach Hause komme, dann ganz – ich wollte nicht in Gossau wohnen», sagt der gebürtige Herisauer, der in Gonten aufgewachsen ist.

2007 trat der damalige Gemeindepräsident nach 17 Jahren im Amt zurück und Ramsauer wurde angefragt, zu kandidieren. Erst war er sich allerdings nicht sicher, ob er sich diesen Aufwand aufbürden wollte. «Es war ein schwerer Entscheid», sagt der 59-Jährige rückblickend. Als ihn dann auch der Gewerbeverein ermutigte, stellte er sich zur Wahl.

Auf die Frage, wie sich Waldstatt seither verändert habe, antwortet Ramsauer: «Waldstatt hat sich nicht verändert – es hat sich weiterentwickelt.»

Limit für Unternehmen erreicht

Die Gemeinde war vor allem bei der Ansiedelung neuer Betriebe erfolgreich. «Heute hat Waldstatt ungefähr gleich viele Arbeitsplätze wie berufstätige Einwohner», sagt Ramsauer. Für eine Gemeinde dieser Grösse sei das viel.

Beispiele aus diesem Bereich sind der kürzlich erfolgte Ausbau der Lignatur AG oder der Zuzug der Blumer Techno Fenster AG. Das Wachstum stösst nun aber an Grenzen. Waldstatt als flächenmässig kleine Gemeinde bietet schlicht nicht mehr Platz. «Unsere Landreserven für neue Ansiedelungen sind aufgebraucht», so Ramsauer. Das führe bisweilen zu Problemen, zum Beispiel, wenn ansässige Unternehmen keinen Platz für Erweiterungen mehr vorfinden.

Dorfcharakter soll bleiben

Nebst Arbeitsplätzen und Steuergeldern bringt die Bautätigkeit der Unternehmen allerdings auch Nachteile mit sich. «Im Appenzellerland gibt es ja praktisch nur Strassendörfer», sagt Ramsauer. Die Ortschaften haben kein echtes Zentrum und ziehen sich entlang der Hauptstrasse in die Länge. «Die Industrie lässt sich da nicht so gut verstecken.» Um der Angst um das Dorfbild und die Identität unter den Einwohnern entgegenzuwirken, liess die Gemeindeverwaltung eine

ortsplanerische Studie durchführen, um auszuloten, was für Entwicklungen in Zukunft nötig und sinnvoll sind. Ramsauer geht davon aus, dass die Umsetzung der vorgeschlagenen Schritte noch einige Jahre oder Jahrzehnte in Anspruch nehmen wird. Teilweise arbeitet man aber bereits daran, zum Beispiel mit der Sanierung und Umgestaltung der Hirschenkreuzung im Dorfkern.

Die eiserne Landreserve

Als nächstes Projekt ist eine Wohnüberbauung mit Mehrfamilienhäusern auf der Leuewies geplant. Die Abklärungen für die Verwendung dieser eisernen Landreserve gehen zurück bis in die 1990er-Jahre. «Viele Arbeitnehmer pendeln nach Waldstatt, würden aber gerne hier wohnen», sagt Ramsauer. Bis jetzt besteht das Wohnraumangebot in Waldstatt aber vorwiegend aus Einfamilienhäusern. Das soll sich mit den Wohnungen, die an diesem Südhang entstehen sollen, ändern.

Ausserdem ist vorgesehen, dass die Räumlichkeiten der Gemeindeverwaltung in die Überbauung integriert werden. Mit Investoren ist man bereits im Gespräch.

Wohnen mit Ferien-Feeling

Eine längerfristige Vision des Gemeindepräsidenten ist es, die Hauptstrasse zu verlegen, um den Dorfplatz verkehrsfrei zu machen. «Die Bevölkerung soll auch weiterhin das Gefühl haben, dass sie in einem Dorf lebt, und nicht auf einer Kreuzung», sagt Ramsauer. Die Lebensqualität ist aus seiner Sicht ohnehin eine der grossen Stärken Waldstatts.

«Wenn ich Bekannte aus Deutschland zu Besuch habe, sagen die zu mir, <Du lebst und arbeitest, wo andere Ferien machen!>». Dazu tragen einerseits die Infrastruktur wie zum Beispiel die gute ÖV-Anbindung oder das mit Abwärme beheizte Freibad bei, doch auch das aktive Dorfleben, die Überschaubarkeit und natürlich die schönen Wohnlagen werden von Ramsauer genannt.

Sein Lieblingsort in Waldstatt befindet sich auf der Geisshalde. Dort steht das Restaurant Frohe Aussicht, das zwar eine einfache, aber ausgezeichnete Küche pflege. «Für mich ist es das Schönste, dort an einem Sonntagabend in der Gartenwirtschaft einen Käsesalat und ein Dessert mit Blick auf den Alpstein zu geniessen.»