Über das Staunen

Mit zunehmendem Alter hat mein Staunen über die Welt, die Natur, die Kunst sprunghaft zugenommen; ich bin völlig perplex vor Staunen, wenn ich die Schönheit des Menschen be-trachte, wenn ich ein Gemälde von Chagall sehe, ein Gedicht von Rilke lese, ein spätes

Paul Gisi
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Bild: Paul Gisi

Bild: Paul Gisi

Mit zunehmendem Alter hat mein Staunen über die Welt, die Natur, die Kunst sprunghaft zugenommen; ich bin völlig perplex vor Staunen, wenn ich die Schönheit des Menschen be-trachte, wenn ich ein Gemälde von Chagall sehe, ein Gedicht von Rilke lese, ein spätes Streichquartett von Beethoven höre, eine Gesichtsvase aus Phaistos (Kreta) mich anschaut, Indische Glaswelse durch meine Träume schwimmen, Efeu sich an einer Mauer hochrankt, Cumuluswolken am Himmel vorbeiziehen. Ja, ich staune sogar, wenn die unfassbare Zeit wieder eine Stunde vorgerückt ist, was hat das zu bedeuten?

Ich bedaure Menschen, die Langeweile erleben, die oftmals nicht wissen, was sie anfangen sollen. Ich finde es herrlich zu leben. Gestern vertiefte ich mich in die Vorsokratiker, heute in die Klavierkonzerte von Mozart, morgen stürze ich mich in einen Roman von Juan Carlos Onetti, den literarischen Grand Old Man Uruguays. Die Abwechslungen sind unbegrenzt, wunderbar. Die gängigen Massstäbe lehne ich ab, mich interessiert das Neue, mich interessiert das Alte, das in seinen Erstbegegnungen für mich prickelnd neu ist. Ich beginne die Gelbe Wiesenraute mit den Blüten in kopfigen Büscheln in einer Rispe, das Sternbild des Löwen im Westnordwesthorizont des Frühlingshimmels, die Evidenz des philosophischen Grunds, dass etwas ist und nicht einfach nichts, die frühgotischen Pfeilerkapitelle der Basilika von Amiens, das Flackern der Kerze auf meinem Schreibpult zu lieben. Parbleu, ich staune über das Leben, über die unfasslichen Perspektivenwechsel der unendlichen Wahrnehmungsmöglichkeiten. Das Leben ist tausendfältig mehr als das Abc. Mich langweilt, zu wissen, was alle wissen. Wissen ist ein Abenteuer der Fragen. Warum ist die Erde rund? Warum expandiert im Weltall alles? Warum liebt die Grosse Sterndolde Laubwälder, Mischwälder, Auwälder, Schluchtwälder, Bergwälder, Bergwiesen und kalkhaltigen lockeren Lehmboden (gibt es das überhaupt noch in unserer zubetonierten Unwelt?)?

Ich staune über die mikro- und makrokosmischen Rätsel; es ist herrlich, ratlos zu sein.

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