Turnfest
Ohne Publikum müssen die Sportlerinnen und Sportler selbst für Stimmung sorgen

Appenzellisches Kantonalturnfest im Coronamodus heisst: Rund 800 jugendliche Teilnehmer, aber keine Zuschauer in Teufen.

Lukas Pfiffner
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Auch ohne Zuschauer waren die Leistungen der jungen Athletinnen gut.

Auch ohne Zuschauer waren die Leistungen der jungen Athletinnen gut.

Lorenz Reifler

Beat Hefti, der einstige Leichtathlet und Bob-Olympiasieger, wartet unter einem Sonnenschirm. Nimmt er am Appenzellischen Kantonalturnfest aktiv teil? «Selbstverständlich», antwortet er und zeigt mit dem Arm auf die Hochsprunganlage im Teufner Landhaus. Ein paar Minuten später sagt er verschmitzt: «Für den 400-Meter-Lauf lassen sie mich nicht zu, weil sie Angst haben, dass ich die Bahn kaputt mache.» In Wahrheit ist Hefti als Betreuer von Matthias Knöpfel vom TV St.Peterzell im Einsatz. Seit dem März hat er die sportliche Leitung der Leichtathletikschule Toggenburg inne.

Im roten Helfer-T-Shirt steht am Samstagnachmittag Hans Höhener, ehemaliger Regierungsrat und unermüdlicher Funktionär, am Rand des Sportplatzes. Nach seinem Einsatz als Feld-Speaker beim Behindertensport wartet er auf neue Batterien für sein drahtloses Mikrofon. «Hopp Andrin!», ruft er. Andrin Huber vom TV Teufen setzt gerade zum Hochsprung an. Höhener ist Szenekenner. Drei der teilnehmenden Mehrkämpfer würden in ihrer Alterskategorie aktuell zu den besten der Welt gehören, erzählt er. Nebst dem Zürcher Gast Yves Bauer betrifft diese Einstufung mit Antonia Gmünder und eben Andrin Huber zwei «Einheimische» vom gastgebenden Appenzellischen Turnverband.

Wenn der Vater scherzt

«Allez, Joel!» ruft Huber nach seinem eigenen Sprung. Joel Temeng, ein Mehrkämpfer in den blauen Farben des LC Turicum, wird für einen SRF-Beitrag über talentierte Nachwuchsleichtathleten von einem Kamerateam begleitet. Huber schafft die 1,82 m erst im dritten Versuch. «1,83 ist er schon vor einem Jahr gesprungen. Mich nimmt Wunder, was ihr den ganzen Tag macht», sagt jemand scherzeshalber zu René Wyler, dem Leiter der Sportlerschule Appenzellerland. Es ist Daniel Huber, der Vater des Athleten und einer der Helfer auf dem Platz. Die Stimmung ist gut. Trotz der unmissverständlichen Tafeln, die beim Eingang zum Sportplatz und zur Halle aufgehängt sind: «Kein Zutritt für Besucher.» Die Athleten unterstützen sich gegenseitig. Sportler aus Schübelbach und vom TSV Hinterforst klatschen beim Anlaufen des Konkurrenten rhythmisch. Der Service ist - auch ohne Publikum - grossgeschrieben. Über einen QR-Code lassen sich die aktuellen Resultate online abrufen. Huber schafft auch die 1,85 m und die 1,88 m. «Ja!», tönt es laut aus der Betreuergruppe.

Handyfoto mit Fahne

Auf dem Kunstrasen hinter der Tribüne wirft der Nachwuchs die Bälle. Der Pfosten eines Handballtores ist als Grenzbalken ausgelegt. «Arm nach hinten, aber auf keinen Fall übertreten!», erklärt die Betreuerin. «Bist du zufrieden?», fragt die Frau mit dem Messband. «Jaa-ah-ah.» Der Klang in der Antwort, begleitet von einer zögerlichen Kopfbewegung, drückt eine mittlere Begeisterung aus. Ein paar Meter entfernt posiert die Jugendriege des TV Bühler für ein Handyfoto – mit bewegter Vereinsfahne in der Luft und erfrischendem Brunnenwasser im Gesicht.

Grosser Einsatz trotz Hitze.

Grosser Einsatz trotz Hitze.

Lorenz Reifler

Der Kameramann des Fernsehens holt sich am stark frequentierten Stand ein Soft-Ice. Eine gewisse Entspannung bietet auch das riesige Zelt: Die Festwirtschaft ist vor allem eine Schattenwirtschaft. In der Halle, wo zum Beispiel die Jugendwettkämpfe der Sparten Unihockeyslalom und Geräteturnen stattfinden, ist es angenehm kühl. Ein Knirps aus Waldstatt mag am Barren fast nicht mehr aufhören mit Einturnen. «Aber nicht, dass du nachher nicht mehr magst…», schmunzelt ein Betreuer. Für sieben Turnerinnen und Turner ist eine Begleitperson zugelassen, ab acht eine zweite. Ein Mädchen nimmt die Maske ab und beginnt ihre Übung am Stufenbarren. Am Schluss streckt sie sich. Applaus gibt’s wenigstens vom halben Dutzend Riegenkameraden. Und hoffentlich eine gute Note von den Funktionären des Verbandes.

Doch nicht ganz ohne Fest

OK-Präsident Bruno Höhener

OK-Präsident Bruno Höhener

Bild: Lorenz Reifler

Zurück zu den Mehrkämpfern im Freien. Das aktuelle Aushängeschild der Appenzeller Leichtathletikszene, Simon Ehammer, ist nur als Beobachter anwesend und als Ratgeber. «Zieh die Schuhe aus», meint er nach dem 400-Meter-Lauf zu einem Kameraden vom TV Teufen. «Es war ein heisser, aber geiler Tag», sagt einer der Athleten. «Lieber etwas warm und trocken als kühl und regnerisch», schätzt OK-Präsident Bruno Höhener die Situation ein. Die Wetterprognose kündigt erst für den Verlauf des Sonntags Gewitter an. Einige Mehrkämpfer begeben sich in Minimalstbekleidung dorthin, wo ein Duschprovisorium eingerichtet ist – bei der open-air-Waschanlage für Fussballschuhe. Die Garderoben dürfen gemäss Corona-Schutzkonzept nämlich nicht betreten werden. Die einzige Ausnahme betrifft die Geräteturnerinnen; ihnen ist es erlaubt, sich dort umzuziehen.

Beat Hefti erhält einen Zusatzauftrag. Zwei Athleten aus Einsiedeln fragen ihn nach einem gemeinsamen Foto. Sie haben den Wettkampf abgeschlossen und widmen sich mit dem Genuss eines Biers dem gemütlichen Teil des Anlasses. «Ein Turnfest ganz ohne Fest kann es ja nicht sein.»

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