Trotz unbefriedigender Entwicklung des Spitals Appenzell: Innerrhoder Standeskommission hält am geplanten Spitalneubau fest +++ Option auf Projektabbruch bleibt aber bestehen

Die Innerrhoder Regierung hält am Neubau des Spitals Appenzell fest. Dennoch lässt sie sich die Möglichkeit offen, das Projekt zu stoppen, sollte sich der Betrieb in den kommenden sechs Monaten nicht wie erwartet stabilisieren.

Claudio Weder
Drucken
Teilen
Die stationären Fallzahlen am Spital Appenzell sind im Vergleich zum Jahr 2018 um 10 Prozent gesunken.

Die stationären Fallzahlen am Spital Appenzell sind im Vergleich zum Jahr 2018 um 10 Prozent gesunken. 

Bild: Gian Ehrenzeller / KEYSTONE

Bis vor kurzem war nicht klar, ob der Neubau des Spitals Appenzell wie geplant umgesetzt werden kann. Nun hat die Innerrhoder Standeskommission (Regierung) einen Bericht vorgelegt, in dem sie zum Schluss kommt, dass sie das 41-Millionen-Franken-Projekt gemäss Terminplan fortführen will – trotz der «unbefriedigenden betrieblichen Entwicklung» des Spitals in den letzten zwei Jahren.

An der Landsgemeinde 2018 hatte die Bevölkerung dem Kredit für den Neubau des Spitals als Ambulantes Versorgungszentrum Plus (AVZ+) zugestimmt. Geplant sind eine Tagesklinik mit acht Betten sowie eine interdisziplinäre Station mit maximal 26 Betten. Ausserdem soll das neue Spital einen 24-Stunden-Notfalldienst mit Erstversorgung gewährleisten.

99 stationäre Fälle weniger als im Jahr zuvor

Der von den Spitalverantwortlichen erwartete positive Effekt des Landsgemeindeentscheids blieb allerdings aus. Insbesondere die stationären Fallzahlen entwickelten sich rückläufig. Im Bericht heisst es:

«Während die Fallzahlen im ambulanten Bereich stabil sind, hat sich im stationären Bereich ein Rückgang um rund zehn Prozent ergeben.»

831 Fälle konnten im Jahr 2019 stationär behandelt werden, das sind 99 Fälle weniger als noch 2018, und 184 weniger als 2017. Der Fallzahlrückgang spiegelt sich im Betriebsergebnis: Das Defizit vergrösserte sich 2019 von 1,4 Millionen auf 1,6 Millionen Franken. 2017 lag das Defizit noch bei 963000 Franken.

Antonia Fässler, Gesundheits- und Sozialdirektorin AI

Antonia Fässler, Gesundheits- und Sozialdirektorin AI

Bild: PD

Den Rückgang der Fallzahlen erklären die Verantwortlichen mit einer bundesrechtlichen Neuregelung, die Anfang 2019 in Kraft trat und zur Folge hatte, dass ein Teil der früher stationären Fälle neu ambulant behandelt wird. Zum anderen hätten laut Gesundheitsdirektorin Antonia Fässler auch die Zuweisungen ans Spital Appenzell abgenommen:

«Die Zusammenarbeit mit dem Spital Appenzell wird nach wie vor nur von einem Teil der Hausärztinnen und Hausärzte gewünscht.»  

Die Standeskommission hat im Rahmen einer Situationsanalyse verschiedene Varianten geprüft. Sie kommt zum Schluss, dass das Projekt AVZ+ das bestehende Marktpotential mittel- bis langfristig besser nutzen könne, als dies heute der Fall sei. «Das AVZ+ hat angesichts des wachsenden Gesundheitsmarkts intakte Zukunftschancen, die ohne diesen Betrieb dem ausserkantonalen Umfeld überlassen werden müssten», heisst es im Bericht. Im Weiteren könnten gerade auch die Entwicklungen im Gesundheitswesen im Kanton St. Gallen für Innerrhoden eine Chance sein, sagt Antonia Fässler:

«Viele Patienten schätzen kleine Spitäler, wie wir in Innerrhoden eins haben.»

Von den geplanten Spitalschliessungen im Kanton St. Gallen erhofft sie sich, dass sich in Zukunft – je nach Wohnort – auch Auswärtige im Spital Appenzell behandeln lassen.

Defizit wird steigen

Wie es weiter im Bericht heisst, müsse in den nächsten Jahren ein höherer Betriebsbeitrag geleistet werden als angenommen. «Nach den neusten Prognosen wird das jährliche Defizit um 1 bis 1,5 Millionen höher liegen als dies im Zusammenhang mit dem Baukredit prognostiziert wurde.»

Sollte sich der Betrieb nicht wie erwartet stabilisieren, hält sich die Standeskommission die Möglichkeit offen, das Projekt vor der Vergabe der ersten Bauaufträge im Oktober 2020 doch noch zu stoppen. «Die Standeskommission ist der Auffassung, dass die Landsgemeinde mit der Kreditsprechung einen Auftrag erteilt hat, das AVZ+ wie geplant zu bauen.» Sollte das Projekt gestoppt werden, müsste also die Landsgemeinde in jedem Falle erneut darüber entscheiden, sagt Fässler.

Damit es allerdings nicht soweit kommt, müssten zwei Bedingungen erfüllt sein: «Die Entwicklung der stationären Fallzahlen muss stabil bleiben. Zudem muss sich das neue Konzept mit der Allgemeinen Inneren Medizin, das seit Anfang Jahr zusammen mit dem Spitalverbund Ausserrhoden betrieben wird, etablieren.» In Letzterem sehen die Spitalverantwortlichen eine besonders grosse Chance. «Wir hoffen, dass wir mit dieser Zusammenarbeit auch neue Zuweiser gewinnen können», sagt Fässler.