TROGEN: Zungenkuss mit Patient? Psychiater vor Gericht

Weil er einen Patienten sexuell bedrängt haben soll, steht ein ehemaliger Psychiater einer Ausserrhoder Klinik am Donnerstag vor Gericht. Das Opfer, ein 45-jähriger Schweizer, ist traumatisiert und verlangt eine Genugtuung. Der Beschuldigte bestreitet jegliche Schuld.

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Das Kantonsgericht Appenzell Ausserrhoden. (Bild: GIAN EHRENZELLER (KEYSTONE))

Das Kantonsgericht Appenzell Ausserrhoden. (Bild: GIAN EHRENZELLER (KEYSTONE))

Der schwer drogen− und alkoholabhängige Patient wurde im Oktober 2013 in einer Klinik in Appenzell Ausserrhoden stationär behandelt. Der Beschuldigte, ein 43-jähriger Arzt, war sein Therapeut. Während der Therapiestunden soll der Arzt dem Patienten mehrmals übers Knie gestreichelt haben. Allerdings nahm der Patient dies damals nicht als sexuelle Annäherung wahr, wie er am Donnerstag bei der Befragung vor dem Einzelrichter in Trogen sagte. Als er aus der Klinik entlassen wurde, habe ihn der Arzt gefragt, ob er zur ambulanten Nachbehandlung zu ihm komme. Der Patient willigte ein.

Freundschaftliches Verhältnis
Zwischen den fast gleichaltrigen Männern entwickelte sich ein freundschaftliches Verhältnis. «Der Beschuldigte sagte mir, er kenne niemanden in der Ostschweiz», sagte der 45-Jährige, deshalb sei er mit ihm Essen gegangen. Danach hat der Beschuldige laut Anklage via Facebook-Chat mit den sexuellen Avancen begonnen.
Noch immer nahm der Patient dies aber nicht so wahr. Er ging nicht konkret auf die Annäherungsversuche ein, gab aber auch keine abweisenden Antworten, wie der Chat-Verlauf zeige. Die Nachfrage des Einzelrichters, ob der Patient mit dem Arzt geflirtet habe, wies das Opfer zurück.

Von Zungenkuss total schockiert
Im Mai oder Juni 2014 kam es laut dem Opfer bei einem Sparziergang am Bodensee zu einem Vorfall, der das Vertrauensverhältnis zwischen den Männern zerstörte. Der Arzt habe ihn plötzlich gepackt und ihm einen Zungenkuss gegeben. «Ich war völlig geschockt und konnte mich nicht wehren», erzählte der 45-Jährige, der erneut in psychiatrischer Behandlung ist und mit seiner Psychiaterin vor Gericht erschien.

Der Zungenkuss habe den psychisch stark beeinträchtigten Mann stark traumatisiert, sagte die Opfervertreterin und verlangte eine Genugtuung von mindestens 2000 Franken. Der Patient habe die Therapie und den Kontakt sofort abgebrochen. Erst im Nachhinein sei ihm bewusst geworden, dass der Psychiater seine schwierige Lage ausgenützt habe, um ihn sexuell zu missbrauchen. Er suchte Hilfe beim Opferschutz und zeigte den Arzt beim kantonalen Gesundheitsdepartement an.

Die Staatsanwaltschaft verlangt eine eine Verurteilung wegen der Ausnützung einer Notlage und Widerhandlung gegen das kantonale Gesundheitsgesetz eine bedingte Geldstrafe und eine Busse von 500 Franken. Über die Höhe der Geldstrafe solle das Gericht entscheiden.

"Chat war eine Fehler"
Der Beschuldigte, der vor Gericht alle Aussagen verweigerte, bestreitet die Vorwürfe. Seine Verteidigerin verlangte einen Freispruch: «Einen Zungenkuss hat es nie gegeben.» Das Opfer sei nicht glaubwürdig. Der Mann habe den Arzt erst eineinhalb Jahre nach dem Vorfall angezeigt. Der Patient sei auch nicht in einem Abhängigkeitsverhältnis gestanden. «Nach dem angeblichen Kuss brach der Patient die Therapie sofort ab. Das hätte er nicht gekonnt, wenn er vom Therapeuten abhängig gewesen wäre», sagte die Verteidigerin.
Den Austausch der zweideutigen Chat-Nachrichten gab der Beschuldigte zu: «Er bereut diesen Chat und entschuldigt sich dafür», sagte die Verteidigerin. Dafür sei der Arzt, der inzwischen mit seiner Familie in Serbien lebt, eventuell mit einer Busse von 500 Franken zu bestrafen.

Die Öffentlichkeit ist vom Prozess ausgeschlossen. Das Urteil des Kantonsgericht Appenzell Ausserrhoden wird am Nachmittag eröffnet. (sda)