Trogen
Zum 75-Jahr-Jubiläum organisiert das Kinderdorf Pestalozzi eine Ausstellung für alle Sinne

Das Kinderdorf Pestalozzi, welches vor 75 Jahren von Walter Robert Corti gegründet wurde, eröffnet zum Jubiläum mehrere Präsentationen. Marcel Henry, Kurator, führt die kleinen und grossen Gäste durch Vergangenheit und Gegenwart der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi.

Elia Fagetti
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Gleich beim Dorfeingang trifft der Besucher auf die Narrationsfiguren der Ausstellung.

Gleich beim Dorfeingang trifft der Besucher auf die Narrationsfiguren der Ausstellung.

Bild: Stiftung Pestalozzi

Antonio kam nach dem Krieg 1948 als Waisenkind aus Italien nach Trogen. Mit dabei hatte er nicht viel mehr als seine Murmeln. Er war zeitlebens dankbar für das, was ihm das Pestalozzidorf ermöglichte. Mit Walter Robert Corti, dem Gründer des Kinderdorfs Pestalozzi, stand Antonio zeitlebens in Kontakt. Das ist nur eine Geschichte von vielen aus der neuen Ausstellung anlässlich des 75-Jahr-Jubiläums.

Die interaktive Ausstellung über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Pestalozzidorfes und dessen Stiftung ist jede Woche von Dienstag bis Freitag sowie Sonntagnachmittag geöffnet. Am ersten Sonntag jeden Monats findet eine öffentliche Führung durch das Dorf statt. Wer zum Beispiel eine Schulklasse oder einen Verein durch das Dorf führen will, kann eine private Führung buchen.

Verschiedene Erzähler

Der Start der Ausstellung befindet sich direkt am Eingang zum Dorf. Entlang des ansprechend proportionierten Holzstegs reihen sich Persönlichkeiten auf, die über die vergangenen 75 Jahre Bescheid wissen. Da wären etwa Walter Robert Corti, aber auch eine heutige Mitarbeiterin der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi aus Honduras, Kinder und Jugendliche von hier und da, aus der Gegenwart und der Vergangenheit. Sie nehmen die Besucherinnen und Besucher mit durch die Ausstellungen.

Jede Figur verfügt über eine eigene Farbe, worauf in der Ausstellung immer wieder zurückgegriffen wird. Am Eingang zum ehemaligen Haus der französischen Kinder erhalten die Besuchenden den «PestalozziPen», einen ganz einfach einsetzbaren sprechenden Stift, der durch die verschiedenen Räume, Themen und Zeiten führt. Antonio zum Beispiel ist grün. Ein weiterer Erzähler ist der Esel Coco. Er war Ende der 1940er-Jahre ein Geschenk des Zoo Zürich, der heimliche Start des Kinderdorfes der Anfangszeit. Er kennt alle verborgenen Orte. Sinn und Zweck dieser Inszenierung sei es, sagt Henry, dass das Publikum das Dorf nicht nur sehe, sondern auch erlebe und verstehe.

Marcel Henry ist Kurator der Ausstellung.

Marcel Henry ist Kurator der Ausstellung.

Bild: PD

Aber die Geschichte ist nur das eine, was in der Ausstellung vermittelt wird. Genauso werden aktuelle Themen ins Rampenlicht geführt. Etwa die Kinderrechte: Dafür gibt es zehn Kinderrechtsstationen, wo sich die Kinder über ihre Rechte informieren können. Diese Auswahl basiert auf den 54 Artikeln der UN-Kinderrechtskonvention, die 1989 ratifiziert wurde. Diese können von den Kindern, auf welche die Ausstellung ausgelegt ist, gesammelt und am Schluss gegen ein kleines Geschenk eingetauscht werden. Ausserdem ist die Ausstellung interaktiv gestaltet, sodass Kinder die Geschichte des Dorfes miterleben können. Henry erklärt den Grund dafür:

«Die Kinder sollen aktiv mit einem Thema in Berührung kommen, so lernen sie am besten, das heisst mit Kopf, Hand und Herz, wie es schon Johann Heinrich Pestalozzi nahelegte.»

Eine Weltkarte – 75 Jahre Beziehungen in die ganze Welt

Die Ausstellung am Dorfeingang zeigt auch eine Weltkarte. Auf dieser ist einerseits verzeichnet, woher die Kinder des Kinderdorfes stammen oder stammten, anderseits, wo die Stiftung Kinderdorf Pestalozzi mit Projekten vor Ort tätig war oder heute noch ist. Ein sehr wichtiges Land ist Tibet, das nach dem Tibetaufstand von 1959 von der chinesischen Regierung stark unterdrückt wurde. Von da an begann der Flüchtlingsstrom der Tibeterinnen und Tibeter in die Schweiz.

Die Weltkarte zeigt, wo die Stiftung aktiv ist.

Die Weltkarte zeigt, wo die Stiftung aktiv ist.

Bild: Elia Fagetti

In jedem Haus wird ein anderer Fokus gesetzt. Geht man zum Beispiel in das 1967 durch den erst neulich verstorbenen Ernst Gisel erbaute Andachtshaus, findet man eine Art Theater nach griechischem Vorbild. Auf den Bänken finden sich Bücher zu den verschiedensten Themen, die alle etwas mit Spiritualität zu tun haben. An der Wand hängt die Bildserie «New Dutch Views» vom Künstler Marwan Bassiouni. Kurator Henry erklärt:

«Hier im Andachtshaus wollen wir den Kindern zeigen, dass es nichts gibt, was unabhängig ist. Alles ist miteinander verbunden.»
Im Andachtshaus finden sich neben den ausgestellten Kunstwerken auch Bücher zum Nachdenken.

Im Andachtshaus finden sich neben den ausgestellten Kunstwerken auch Bücher zum Nachdenken.

Bild: Elia Fagetti

Eine unkonventionelle Station der Ausstellung ist auch die Trafostation. Gezeigt werden hier vergrösserte Tuschzeichnungen von Kindern der Anfangszeit. Die Zeichnungen geben einen tiefen Einblick in das Innere der Kinder von damals. Henry erklärt es anhand eines Bildes, auf dem drei Kinderhäuser, Bäume und spielende Kinder zu sehen sind. Augenfällig sind aber die stark ausgearbeiteten Wege – metaphorisch wohl ein Verweis darauf, dass hier das Verbindende zwischen den Nationen besonders von Interesse war. Nach Henry sind Kinderzeichnungen besonders eindrücklich, da sie ein ausgeprägtes Beobachtungsvermögen der Kinder spiegeln. Henry meint:

«Kinder sind unglaublich gute Beobachter.»

Neben den genannten drei Ausstellungsstationen laden zwei weitere zum Besuch ein. Das ist zum einen das Medienhaus. Dort erlebt man zusammen mit Sarah, der die Besucherinnen und Besucher des Kinderdorfes schon am Dorfeingang und in der Hauptausstellung begegnet sind, ein Hörspiel, in dem es um die Suche nach Wahrheit in der heutigen Medienwelt geht. Hier werden Themen wie Big Data, Pressefreiheit oder Gewalt in der Musik aufgegriffen.

Der letzte Ort in der Reihe von Ausstellungen ist das Schulhaus, erbaut vom im letzten Jahr verstorbenen Max-Bill-Schüler Max Graf. Hier dreht sich alles um nachhaltige Entwicklungsziele und wie man diese international umsetzen könnte. Es soll ausserdem daran erinnern, dass globale Herausforderungen nationale Grenzen überschreiten.

Zu Beginn war das Pestalozzidorf ein Ort für Kinder aus den kriegsversehrten Ländern Europas. Heute ist das Dorf immer noch ein Begegnungsort, wo sich Kinder – auch wenn für kürzere Zeitspannen – aus zahlreichen Ländern der Welt begegnen und sich in gegenseitigem Respekt üben. Die Ausstellung zeigt auf, dass im Kern immer noch dasselbe steht, nämlich das Ziel, dass die Menschen in Frieden zusammen lernen. Dazu bedarf es der richtigen Bildung. Dazu leistet das Kinderdorf mit seiner täglichen Arbeit, von der jährlich weltweit über 200'000 Kindern profitieren, einen wichtigen Beitrag.