Trogen unter Waffen

Vielleicht erinnern Sie sich? Ich habe Ihnen an dieser Stelle Anfang Jahr davon erzählt, wie der deutsche Komponist Felix Mendelssohn im Jahre 1831 das ungastliche Trogen so schnell als möglich wieder verlassen wollte.

Heidi Eisenhut
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Bild: Heidi Eisenhut

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Vielleicht erinnern Sie sich? Ich habe Ihnen an dieser Stelle Anfang Jahr davon erzählt, wie der deutsche Komponist Felix Mendelssohn im Jahre 1831 das ungastliche Trogen so schnell als möglich wieder verlassen wollte. Bei der Lektüre von Gabriel Rüschs Fortsetzung der Walser'schen Appenzeller Chronik diesen Sommer stiess ich auf eine Passage, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte:

«Am 2. Oktober [1810] fand in Trogen ein komisch-tragischer Auftritt statt. Vier Edelleute aus Russisch-Polen kamen auf einer Lustreise durch die Schweiz von Altstätten her und blieben im Hirschen über Nacht, alle in einem Zimmer. Der schweren Federdecken ungewohnt, beschäftigten sie sich mit dem Abziehen der Überzüge. Der misstrauische Wirth […] sah durchs Schlüsselloch, und er glaubte, man wolle ihn des Bettzeuges berauben. Unbedachtsam machte er Lärm; die Dorfbewohner kamen herbei, um die vermeintliche Räuberbande festzunehmen. Die Reisenden ihrerseits, die sich in dem alterthümlichen Wirthshause ohnehin unheimlich fühlten, glaubten in eine Räuberhöhle geraten zu sein, als sie bewaffnete Männer heranstürmen sahen; sie stellten sich zur Wehre, wurden aber übermannt, übel zugerichtet und unter Misshandlungen ins Gefängnis geschleppt. Das ganze Dorf war in Allarm […]. Die ganze Nacht stand Trogen unter den Waffen; man hatte die Laternen ausgehängt und patrouillierte mit geladenem Gewehr. […] Am folgenden Morgen zog man die Gefangenen ins Verhör, wobei sich der ganze Auftritt bald als ein bedauerliches Missverständnis herausstellte. Gänzlich satisfaktioniert, vom Landammann gastlich traktiert und in dessen Kutsche reisten die Geängstigten Nachmittags nach St. Gallen und Arbon.»

Sie können sich sicherlich vorstellen, dass dieser urkomische Vorfall bei mir ganz viel auslöste … Als ich letzte Woche den Landsgemeindeplatz überquerte, musste ich plötzlich laut lachen: Wo nähmen wir heute die Landammannkutsche her, wenn solches wieder geschähe?