TROGEN: Übernachten im «kleinen Glück»

Angebote wie jenes der Herberge zum kleinen Glück gibt es in der Schweiz nicht viele. Erwachsene Menschen mit Betreuungs­bedarf können in der von Urs und Brigitte Gasser geführten Herberge Ferien geniessen. Doch nicht jeder Gast wird aufgenommen.

Jonas Manser
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Ferien in der Herberge zum kleinen Glück sind beliebt. (Bilder: Jonas Manser)

Ferien in der Herberge zum kleinen Glück sind beliebt. (Bilder: Jonas Manser)

Jonas Manser

jonas.manser@appenzellerzeitung.ch

Die Herberge zum kleinen Glück in Trogen ist ein etwas spezielleres Ferienresort. Die Zimmer sind nicht übermässig gross, verfügen über kein Bad oder ­Balkon, Zimmerservice gibt es nicht. Überhaupt gibt es keinen Luxus – zumindest keinen materiellen. Trotzdem ist die Herberge eines der beliebtesten ­Ferienorte für erwachsene Menschen mit Betreuungsbedarf. Jedes Jahr heissen Urs und Brigitte Gasser rund 170 Gäste aus der ganzen Deutschschweiz willkommen. Menschen mit Assistenzbedarf kommen in Trogen für eine bis zwei Wochen in die Ferien. Die Gassers führen die Herberge zu zweit, nur am Donnerstag werden sie von einer freiwilligen Helferin abgelöst. Dementsprechend gelten für die Gäste Kriterien, die sie erfüllen ­müssen: Der Grad der Behinderung darf nicht zu schwer sein. «Das Haus ist nicht für schwerere Pflegefälle ausgerichtet», schildert das Paar das Auswahlver­fahren. Per Telefon wird nachgefragt, ob die Gäste gruppenfähig sind und kein aggressives Verhalten zeigen. Spezifischere Informationen als für das Überleben notwendige, fragen die Gassers nicht nach: «Die Ferien bei uns in der Herberge sollen auch eine Chance sein für die Gäste, einfach sich selbst zu sein.»

Die Selbstständigkeit, die sie von den Gästen verlangen, würde nur in sehr seltenen Fällen zum Problem. «Wir müssen im Schnitt eine Person pro Jahr nach Hause schicken», sagt Brigitte Gasser. «Die Gäste geniessen in den Ferien bei uns vor allem die sozialen Aspekte.» Die unternehmungslustigen Gäste sind mit den Gassers jeden Nachmittag unterwegs. Sie haben viele Stammgäste, diese kennen einander bereits sehr gut. «Wir geniessen ein starkes Vertrauen. Seit Jahren sind nur wir zwei die einzigen Ansprechpersonen», sagt Brigitte Gasser.

Eine Nacht Ferien in der Herberge

Es herrscht eine Atmosphäre wie in einer Wohngemeinschaft. Jeder Gast hat sein eigenes Zimmer, Bad und WC werden geteilt. Aus der Küche ist bereits die Bolognese zu riechen, die Brigitte Gasser zubereitet. Einige der Gäste versammeln sich, hungrig von den Aktivitäten am Nachmittag, im Wohnzimmer nebenan. Sie waren in Herisau unterwegs. Im Winwin-Markt kauften sie CDs, Tassen und andere Erinnerungsstücke.

Gabi ist am Kreuzworträtsel lösen. «Wie heisst Baschi schon wieder mit vollem Namen?», fragt sie in die Runde. Alle scheinen Baschi zu kennen, leider nur bei seinem Künstlernamen. Ein Blick in ihr Kreuzworträtselbuch verrät, dass sie diese leidenschaftlich gerne löst: «Die Rätsel müssen aber mit Grossbuchstaben gedruckt sein, ich sehe nur noch 30 Prozent», erklärt sie. Die Anzeige von Brunos Handy gab vor ein paar Tagen den Geist auf. Zusammen mit Urs Gasser besuchten sie am Vormittag noch kurz den nächsten Swisscom-Shop, um das Gerät auszuwechseln. Doch nun scheint ein neues Problem aufgetaucht zu sein. Das Gerät zeigt ständig an, dass die SIM-Karte eingeführt werden soll. Urs verweist Bruno auf den Journalisten, er solle es sich doch anschauen. Das Problem ist schnell gelöst, die SIM-Karte wurde nicht richtig eingelegt. «Es ist uns ein Anliegen, dass sich die Gäste auch untereinander helfen. Dies fördert den sozialen Umgang», so Urs Gasser. Auf dem Tisch liegt ein Ordner mit Bildern von den täglichen Ausflügen der vergangenen paar Jahre. Silvia schlägt das Jahr 2014 auf. Sie blättert einige ­Seiten um und zeigt auf ein Gruppenfoto: «Hier waren wir auf dem Säntis!» Später ergänzt Brigitte Gasser, dass ­Silvia bereits vor ihrer Übernahme im 2013 zu den Stammgästen der Herberge ge­hörte.

Das Nachtessen ist angerichtet: Auf die Spaghetti Bolognese mit grünem Salat folgt der obligatorische Kaffee. Ueli hat sich schon über die aktuellsten Nachrichten des Tages informiert. «Heute wurde eine Postfiliale überfallen», erzählt er. «Damit hast du hoffentlich nichts zu tun?», fragt Urs Gasser ihn. «Ja, kannst du dir denken!», antwortet der Rollstuhlgebundene. Schallendes Gelächter bricht am Tisch aus. Um 19.30 Uhr begeben sich die meisten ins Wohnzimmer: Gleich fängt die Tagesschau an. Nach «10 vor 10» ist es Zeit, schlafen zu gehen, es war ein erlebnisreicher Tag.