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TRADITION: Der Zimmermeister und die Zeugin

Die 1780 erbaute Kubelbrücke zwischen Stein und Herisau ist die letzte Brücke, die Hans Ulrich Grubenmann zugeschrieben wird. Zurzeit wird sie instand gestellt. Dafür verantwortlich ist der Teufner Paul Grunder.
Patrik Kobler
«Meine vielleicht letzte Brücke»: Holzbauingenieur Paul Grunder wird demnächst 70 Jahre alt. (Bild: Patrik Kobler)

«Meine vielleicht letzte Brücke»: Holzbauingenieur Paul Grunder wird demnächst 70 Jahre alt. (Bild: Patrik Kobler)

Patrik Kobler

patrik.kobler@appenzellerzeitung.ch

Eine der interessantesten Baustellen im Kanton Appenzell Ausserrhoden befindet sich tief im Tobel unten, genauer gesagt im Kubel, wo zurzeit die Holzbrücke über die Urnäsch saniert wird. Sie verbindet seit bald 240 Jahren Herisau und Stein miteinander und ist eine der beiden letzten erhaltenen Brücken, die dem berühmten Baumeister Hans Ulrich Grubenmann (1709–1783) zugeschriebenen werden. Die andere steht etwas weiter flussaufwärts. Sie wurde zwei Jahre ­früher erstellt, verbindet Herisau und Hundwil und wird aufgrund der Inschriften «Sprechende Brücke» genannt. Allerdings: Solche Überschriften findet man auch an den Balken der Kubel­brücke.

Gemeinhin gelten die beiden Grubenmann-Brücken als baugleich. Ein Irrtum, wie der Teufner Zimmerbaumeister Paul Grunder sagt. Sein Ingenieur- und Planungsbüro ist für die Sanierung der Kubelbrücke verantwortlich. Zudem war sein Wissen auch bei der Instandstellung der Sprechenden Brücke vor zwei Jahren gefragt. Zwar sind sie sich sehr ähnlich und verfügen über den Grubenmann-typischen Brückenbogen, aber die Kubelbrücke hat im Gegensatz zur Sprechenden Brücke beispielsweise einen Firstbalken und eine Kammschwelle.

Grunder vermutet, dass zwei verschiedene Poliere für die Bauwerke verantwortlich waren. Nur so kann er sich die Unterschiede erklären. «Wenn man innerhalb von zwei Jahren zwei Holzbrücken mit identischer Spannweite baut, würde man es normalerweise zwei Mal gleich machen», sagt er. Leider sei über die beteiligten Poliere und Zimmerleute nichts in Erfahrung zu bringen. Das bedauert der gebürtige Bündner, der seit 1973 im Appenzellerland lebt. Er würde gerne mehr über die Hintergründe ­wissen. Ein Rätsel sind ihm auch die ­Inschriften. Er kann sich vorstellen, dass diese erst später angebracht wurden, weil sie im reformierten Kanton eigentlich verpönt waren.

Schweizweit gefragter Holzbaufachmann

Der bald 70jährige Grunder ist ein erfahrener Holzbaufachmann, dessen Wissen in der ganzen Schweiz gefragt ist. Er war beispielsweise bei der Dachkorrektur des KKL in Luzern beteiligt, und er hat auch eigene Holzbrücken realisiert – etwa eine doppelspurige Strassenbrücke im Emmental oder die List-Brücke zwischen Stein und Haslen. Obwohl er das Pensionierungsalter längst überschritten hat, möchte er sich nicht zur Ruhe setzen. Solange man in Bewegung sei, bleibe man fit, sagt der Grossvater von sieben Enkeln. Im Kubel unten ist er fast täglich anzutreffen. Mit Sorge hat er vor einer Woche die starken Regenfälle mitverfolgt. 1778 hatte ein Hochwasser alle Brücken und Stege an der Urnäsch zerstört. Auch jetzt ist das Wasser gefährlich angestiegen, Schaden hat die Brücke jedoch keinen erlitten. Nur das Gerüst wurde in Mitleidenschaft gezogen und musste ersetzt werden. «Das kann vorkommen», sagt Grunder. Bis spätestens Ende Oktober sollen die Bauarbeiten abgeschlossen sein.

Mit den Planungen hat Paul Grunder vor gut vier Jahren begonnen. Anlässlich einer Kontrolle hat er festgestellt, dass ein Grossteil der Zugbänder gerissen ist. «Diese brechen nicht aus Altersgründen, sondern bei Überbelastung», sagt er. Die Ursache müsse eine sehr schwere Last sein, wie zum Beispiel Lang­holztransporte oder sehr schwere landwirtschaftliche Fahrzeuge. Dass die Brücke mit Ross und Wagen befahren wurde, bezeugen Verschleissspuren eingangs der Brücke. Auf Kniehöhe findet man Einbuchtungen im Holz.

Die defekten Zugbänder dürften auch dafür verantwortlich sein, dass die Brücke «aus der Balance» geraten ist. Ursprünglich verfügte sie über eine Überhöhung von 25 cm. Vor der Sanierung war das nicht mehr der Fall. Jetzt soll der Ursprungszustand wiederhergestellt werden. Für die Zugbänder werden im Gegensatz zum Original etwas kräftigere Balken verwendet. Von Konstruktionsfehler möchte Grunder nicht sprechen. Es sei damals eher eine falsche «empirische Annahme» gewesen. Heute stünden ganz andere Mittel zur Berechnung der Statik zur Verfügung, ­ sagt er.

Grunder ist lange genug im Geschäft, um festzustellen, dass sich der Beruf des Zimmermanns verändert hat. Es habe eine Verschiebung ins Intellektuelle stattgefunden. Früher seien Hauruck-Typen am Werk gewesen. «Wir haben das Tragwerk mit einigen Strichen gezeichnet und es dann auf dem Boden ausgelegt. Heute wird am Computer viel detaillierter geplant», sagt er. Der Sohn eines Pfarrers und einer Konzertpianistin vereint freilich beide Seiten. Er hat das Gymnasium absolviert und dann die Ausbildung zum Zimmermann gemacht. Der Arbeit von Grubenmann begegnet er mit Ehrfurcht. Allerdings gehört sein Respekt nicht Einzelnen, sondern alljenen, die dazu beitragen, die Holzbau-Tradition fortzuführen. Eine Zeugin dieser Tradition ist die Kubelbrücke; dank der Sanierung dürfte sich nochmals 100 Jahre halten.

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