Trachten und Rennwagen

Das grosse Besucheraufkommen sorgte am Bergrennen Hemberg von gestern Sonntag für einen Publikumserfolg. Es zeigte aber auch die Grenzen einer Grossveranstaltung in einem kleinen Dorf auf. Vor allem die Kreuzung im Dorf wurde zum Dreh- und Angelpunkt des Geschehens.

Michael Hug
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HEMBERG. «Wir mussten leider schon kurz nach Mittag Zuschauer in St. Peterzell abweisen», sagte der Pressesprecher des Bergrennens, Marco Moser. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge sah sich das OK des Bergrennens Hemberg gestern zusammen mit der Polizei gezwungen, den Ansturm des Publikums nach Hemberg im Neckertal zu stoppen und nur noch Besitzer eines bereits gekauften Tickets durchzulassen. Wie viel Zuschauer bis dahin auf dem Gelände waren, konnte auch OK-Chef Christian Schmid nicht sagen: «Mehr als 10 000, aber weniger als 15 000.» Doch der Zuschaueraufmarsch zeigte auch Grenzen auf. Die Verpflegungsstände waren komplett überlastet – die Wartezeit betrug zum Teil eineinhalb Stunden – und der Shuttlebusverkehr zwischen St. Peterzell und Hemberg kam zum Erliegen. Ankommende Zuschauer wurden abgewiesen, abreisende wurden gebeten «den Spaziergang auf der wunderschönen Strecke zu Fuss zu unternehmen».

Beste Bedingungen

187 Fahrer waren für das traditionelle Bergrennen, das 1990 wegen des Ausstiegs einzelner Landbesitzer zum letzten Mal stattfand, gemeldet. Nach einem verregneten Vortag fanden sie für die Trainingsläufe am Morgen beste Bedingungen vor. Die Sonne vertrieb den Nebel von der Strecke und verleitete offensichtlich einige Fahrer zu einem übermütigen Fahrstil. Zahlreiche Unfälle sorgten für massive Verzögerungen im straffen Zeitplan. So waren um 18 Uhr immer noch Rennläufe im Gange, als eigentlich schon die Siegerehrungen hätten stattfinden sollen. Doch auf die Stimmung auf den Zuschauerrängen hatte dies keinen Einfluss. Wegen des perfekten Wetters und der attraktiven Rennbewerbe liessen sich die Rennsportfans, die es nach Hemberg geschafft haben, ihre gute Laune nicht verderben.

Auf der Dorfkreuzung spielten sich sonderbare Szenen ab. Eintreffende Rennwagen kreuzten mit zurückzuführenden. Ohrenbetäubender Lärm begleitete sie, Abgase stachen in die Nase, kryptische Funksprüche waren aufzuschnappen. Mancher Rennfahrer machte sich einen Spass daraus, seinen Motor kurz und heftig aufheulen zu lassen.

Sonderbare Szenen

Zwischen superteuren Ferraris, grell lackierten Porsches und teuren Eigenbauten mit hochgetunten Motoren passierten Shuttlebusse und Abschleppwagen den neuralgischen Punkt. Ebenso wechselten ungeduldige Zuschauermassen die Strassenseite; Kinder, Kinderwagen, Hunde, ein Bier oder eine Wurst an oder in der Hand. Sicherheitsleute, Polizei, Verkehrskadetten und Helfer hatten sichtlich Mühe, den Andrang in die Fahrerlager oder auf die Rennstrecke zu bändigen. Mitten im Trubel spielte im VIP-Zelt auf dem Postplatz die «Brandhölzler Striichmusig» Lüpfiges aus dem Stegreif. Da plauderte der Bauer in Militärschuhen mit dem Vertreter der sponsernden Bank, brachten bezopfte Girls eines Zigarrenherstellers ihre Gratis-«Krummen» schnell an den Mann, knabberten Szene-Ladies am Apéro-Gemüse, freuten sich eingeladene Gönner und alt Rennfahrer am zartrosa Barbecue-Fleisch und verkauften Bäuerinnen in Werktagstracht heimischen Käse an Rennsportfans aus dem Unterland. Derweil die zahlenden Zuschauer, die Hunger verspürten, sich auf eine lange Wartezeit vor dem Bratwurstgrill einrichteten und die Helferinnen am Bierzapfhahnen längst noch keinen Feierabend sahen.