TRACHT: Wegen Klangblatt-Inserat: Toggenburger Jodler sind sauer

Ein Inserat im «Klangblatt», dem Magazin der KlangWelt Toggenburg, sorgt in Trachten- und Jodlerkreisen für Empörung: Es kombiniert die heimische Sennentracht mit der Tradition aus der Südsee.

Serge Hediger
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Heimische Sennentracht kombiniert mit der Tradition aus der Südsee: Ein No-Go, finden Trachten und Jodlerkreise. (Bild: PD)

Heimische Sennentracht kombiniert mit der Tradition aus der Südsee: Ein No-Go, finden Trachten und Jodlerkreise. (Bild: PD)

Stolz steht er da, die Arme in die Hüfte gestemmt: Angetan mit rotem Brusttuch und weissem Chüelihemd, messingbeschlagenen Hosenträger sowie silberner Hals- und Hosenladenkette macht der junge Mann in Sennentracht Werbung für «Naturstimmen on tour», dem Klangfestival aus dem Toggenburg. Mal aus Afrika, mal aus Asien: Dieser Anlass vereint Naturstimmen aus der ganzen Welt in einzigartigen Konzerten, die jeweils Zuhörer aus der ganzen Schweiz anziehen. Entsprechend dieser musikalischen Ausrichtung trägt der Senn im Inserat in der aktuellen Zeitschrift «Klangblatt» denn auch eine kaukasische Fellmütze sowie über den grossflächig tätowierten, nackten Beinen den traditionellen Bastrock, wie er im Inselreich Melanesien in der Südsee verbreitet ist. Die werberische Botschaft ist klar: In diesen Gegenden ist das Jodeln verbreitet.

«Frechheit: Toggenburger Tracht verschandelt»

Einen Toggenburger in Sennentracht und Bastrock zeigen: Darf man das? Für Fredy Zimmermann aus Nesslau ist die Antwort ein klares, ja ein energisches Nein. Vergangene Woche veröffentlichte das St. Galler Tagblatt seinen Leserbrief, in dem er seinem Ärger über die Fotomontage Luft macht: «Wer um Himmels Willen nimmt sich die Frechheit, unsere einzigartige und wunderschöne Toggenburger Tracht derart zu verschandeln?» schrieb Leser Zimmermann. «Alle, die eine solche Tracht besitzen, werden dadurch zutiefst beleidigt und in ihrer Ehre verletzt.» Damit ist Leser Zimmermann übrigens nicht allein; gegenwärtig beschäftigt das Thema die Trachten- und Jodelszene talauf talab.
Ganz soweit wie der Leserbriefschreiber würde der Rapperswiler Hans Schär, Obmann der St.Gallischen Trachtenvereinigung, allerdings nicht gehen. Dennoch hat er Verständnis dafür, «dass sich die Toggenburger Trachtenleute über diese Bildcombo aufregen». Deren Schöpfer hätten nicht gerade viel «G’spüri» gezeigt, doch sei es ihnen sicher nicht darum gegangen, die Toggenburger Tracht zu beleidigen, sondern vielmehr darum aufzuzeigen, wie vielfältig Folklore und Trachten seien: «Ich glaube nicht, dass dahinter böser Wille steckt.» In einen Punkt indes gibt Trachtenobmann Schär dem Leser Zimmermann Recht: «Im Hinblick auf eine eventuelle Volksabstimmung über die Schaffung eines Klanghauses dürften die Initianten mit diesem Bild unter den traditionsverbundenen Trachtenleuten nicht gerade viel neue Sympathisanten gefunden haben.»

Auch Silvia Reifler aus St.Gallen, in der kantonalen Trachtenvereinigung als Beraterin tätig, äussert sich abwägend: «Ich verstehe, dass echte, tief verwurzelte Jodler und Trachtenleute das Bild als Beleidigung empfinden, denn es sieht schon sehr schräg aus. Andererseits kann man niemandem verbieten, wie er Werbung zu machen hat. Werbeagenturen müssen halt freche Ideen finden.»

Für Mathias Müller, den Präsidenten der Stiftung Klangwelt, kommen die Reaktionen aus Trachten- und Jodlerkreisen etwas überraschend: «Eigentlich zeigt das Inserat doch leicht zugespitzt genau das, wofür die Klangwelt steht: die Verbindung der Kulturen. Es steht unsererseits keine Absicht dahinter, jemanden zu verletzten oder etwas zu verhunzen.» Die Klangwelt Toggenburg nimmt die Einwände indessen ernst. Müller: «Wir planen, im August oder September einen Diskussionsanlass durchzuführen, an dem wir die Meinungen der Kritiker abholen und herausfinden können, was bei diesem Thema wen wo drückt.»

Das bayrisch-österreichische Dirndl als viel grösseres Ärgernis

Für den Trachten-Obmann ist der Senn im Bastrock übrigens eine kleine Sache. Viel mehr und wiederholt ärgert er sich darüber, dass an eidgenössischen Anlässe immer häufiger Ehrendamen im dirndlähnlichen Gewand auftreten – wie etwa jetzt im Vorfeld des Unspunnen-Festes wieder, für das den Frauen eigens eine sogenannte Interlakner Edelweiss-Tracht geschneidert wurde: Schär: «Diese Pseudo-Tracht löste im Schweizer Trachtenwesen böse Reaktionen aus.»

Unter diesem Link geht es zum Kommentar von Serge Hediger zum Trachtenstreit

Was meinen Sie, liebe Leserin, lieber Leser: Darf man für Werbezwecke einen Toggenburger in Sennentracht, Fellmütze und Bastrock zeigen? Schreiben Sie uns: leserbrief@tagblatt.ch