Tokio 2021
«Ich zähle Stefan Küng zum Favoritenkreis»: Was Rad-Nationaltrainer Michael Albasini von den Olympischen Sommerspielen in Tokio erwartet

Michael Albasini bestreitet seine dritten Olympischen Spiele. Diesmal allerdings in einer neuen Funktion. Der ehemalige Radprofi ist Schweizer Nationaltrainer und erwartet in Tokio zwei Medaillen.

Urs Huwyler
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Michael Albasini (links) auf einer Trainingsfahrt mit den beiden Medaillenkandidaten Stefan Küng (rechts) und Mountainbiker Mathias Flückiger.

Michael Albasini (links) auf einer Trainingsfahrt mit den beiden Medaillenkandidaten Stefan Küng (rechts) und Mountainbiker Mathias Flückiger.

Bild: uhu

2012 befand sich der in Gais wohnhafte Radprofi Michael «Alba» Albasini an den Olympischen Spielen in London auf Medaillenkurs. Rund 20 Kilometer vor dem Ziel donnerte Fabian Cancellara selbstverschuldet in die Abschrankung – und der Co-Leader wartete dem Auftrag entsprechend auf den gestürzten Captain.

Damit opferte Michael Albasini seine intakte Chance auf einen Podestplatz. Vier Jahre zuvor musste der gebürtige Bündner und Thurgauer wegen eines Trainingssturzes vor Ort in Peking auf das Rennen verzichten, 2016 in Rio stieg er vorzeitig aus.

Nationaltrainer Michael Albasini

Nationaltrainer Michael Albasini

Gian Ehrenzeller/KEYSTONE

Olympia und Michael Albasini, das passte bisher nicht zusammen. Dies soll sich in Tokio ändern. Der Nationaltrainer macht eine klare Ansage:

«Ich erwarte zwei Medaillen. Eine im Strassenrennen von Marc Hirschi oder Gino Mäder, eine im Zeitfahren von Stefan Küng.»

Direkt von der Tour de France nach Japan

Allerdings ist er zu lange im Profi-Radsport dabei, um nicht zu wissen, was trotz Planung, Taktik, Renninstinkts und Wettkampfglücks alles passieren kann. Einmal, zweimal oder nullmal Edelmetall, alles ist möglich.

Im Zeitfahren scheint die Ausgangslage erfolgversprechender. Nachdem sich Stefan Bissegger auf den Bahnvierer konzentriert, ruhen alle Chancen auf Stefan Küng, der direkt von der Tour de France geflogen ist. An der Schweizer Meisterschaft coachte «Alba» den Thurgauer Micarna-Teamkollegen aus dem Begleitfahrzeug heraus und das Zusammenspiel klappte. «Stefan zähle ich bei gleich bleibenden Bedingungen während des Rennens zum Favoritenkreis. Seine Form stimmt. Das hat er an der Tour de France mit den Rängen zwei und vier bewiesen», analysiert der Chef.

Küng und Schär als erstklassige Helfer

Für das Strassenrennen hat sich der Nachfolger von Vater und Lehrmeister Marcello Albasini ein Grobkonzept für das Fahrer-Quartett zurechtgelegt. «Stefan muss versuchen, das Rennen auf den ersten 100 Kilometern zu kontrollieren, Michael Schär die Doppelspitze Marc Hirschi/Gino Mäder in die Entscheidung führen. Die Strecke ist extrem schwierig, den Nationen stehen maximal fünf Fahrer zur Verfügung. Es wird ein spezielles Rennen», ist der dreifache Familienvater überzeugt.

Den Favoriten stehen auf den 234 Kilometern rund um den Berg Fuji (4865 Höhenmeter) wenige Helfer zur Verfügung. Aber die Slowenen, Belgier, Holländer, Franzosen, Italiener, Spanier, Briten oder Dänen verfügen über mehrere Favoriten. Michael Albasini vermutet deshalb, es werde sich nach anfänglichen Strohfeuern eine Spitzengruppe mit den Co-Leadern bilden und im letzten Aufstieg könnten aus der Verfolgergruppe die Angriffe der Chefs erfolgen.

Schwierige Monate als neuer Chef

Die ersten Monate als Nationaltrainer waren für den mehrfachen Rundfahrten-Sieger schwierig und herausfordernd. «Fahrer zu sein, ist definitiv einfacher. Er kann sich auf den Sport konzentrieren, muss sich um nichts kümmern. Der Nationaltrainer sollte dafür sorgen, dass es so bleibt.» Anfangs erschwerte die Coronasituation mit den Tests und Formularen, den Absagen und unterschiedlichen Quarantäne-Regeln der einzelnen Länder die Arbeit.

Inzwischen beschäftigt den Swiss Cycling-Angestellten eher die Personalrekrutierung. Jeder Fahrer habe sein eigenes Rennprogramm, private Termine, Verpflichtungen in den einzelnen Sportgruppen, gesundheitliche Probleme oder sei ausser Form. «Manchmal sind die kurzfristigen Absagen schon mühsam und es wird schwierig, eine Mannschaft zu bilden. Aber sobald es losgeht, ich im Auto sitze, macht die Aufgabe Spass», gesteht Michael Albasini, der auch Triathlon-Olympiasiegerin Nicola Spirig technisch und taktisch auf Vorderfrau gebracht hat.

Bezüglich der olympischen Rennen bestehen wegen der Fahrzeuge, der Verpflegungszonen oder der Hitze noch einige Unsicherheiten. Das olympische Dorf werden die Radfahrer nie betreten. Alle Nationen bewohnen das gleiche Hotel, leben in einer «Blase» und fliegen am Tag nach dem letzten Einsatz nach Hause. Machen Olympische Spiele unter diesen Bedingungen Sinn? «Für die Athleten schon. Ein Olympiasieg hat einen hohen Stellenwert. Bei mir hält sich die Freude in Grenzen.»