Toggenburger Hausorgel im Roothuus eingetroffen

Das Roothuus in Gonten erschliesst sich ein neues Gebiet: Die (Haus-)Orgelmusik des 18. und 19. Jahrhunderts hält Einzug in die Nebenstube im Zentrum für Appenzellische Volksmusik.

Guido Berlinger-Bolt
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Gonten. Es ist, als ob sich mit den Flügeln der Hausorgel eine neue Zeit im Roothuus auftäte, eine Zeit, in der die evangelischen Dorfkirchen in Ausserrhoden und im Toggenburg die Musik aus dem Kirchenraum verbannt hatten. Eine Zeit auch, in der viele einen persönlichen Zugang zum Glauben suchten und einen solchen in pietistischen Zusammenkünften im privaten Raum, oft in Firstkammern, dem Himmel so nahe wie möglich, fanden.

Wir erinnern uns an den armen Mann im Toggenburg, Ulrich Bräker, der in den «Ebentheuern» ebensolche Treffen frommer Leute schildert: «Was eigentlich da verhandelt wurde, weiss ich nicht mehr; nur so viel, dass mir dabey die Weil verzweifelt lang war. Ich musste mäuslinstill sitzen, oder gar knieen. Dann gab's unaufhörliche Ermahnungen und Bestrafungen von den Baasen allen, die ich so wenig verstuhnd als eine Katze.»

Auch bei den Treffen, denen der kleine Ulrich wann immer es irgendwie ging, auswich, mochte gesungen worden sein – aber freilich wurde der Gesang nicht von einer Hausorgel begleitet. Über eine solche verfügten die armen Leute gewiss nicht.

«Ärzte, Lehrer, Pfarrer»

«Es war die obere Mittelschicht, die im 18. und 19. Jahrhundert solche Hausorgeln in Auftrag gaben und besassen», sagt Markus Meier. «Ärzte, Lehrer, Amtmänner, Pfarrer.

» Markus Meier ist Orgelbauer – und Musiker. In der Hand hält er ein Brett, das er in die Orgel einsetzt. Von dieser sind schon die Umrisse erkennbar. Am Morgen baute er in Wallisellen beim letzten Besitzer, einem greisen Zürcher, die Hausorgel ab (siehe «Befragt»). «Ein gewöhnliches Wohnzimmer in einem gewöhnlichen Haus aus den 1960er-Jahren», erzählt er.

Jetzt setzt er die Teile, Kasten, Blasbalg, Tastatur, Pfeifen, Verzierungselemente wieder zusammen – in der Nebenstube des Roothuus in Gonten. Ein prächtiger Ort, an den die Orgel zweifellos sehr gut passt. – Das gilt für ihren Stil, für die barocke Bemalung und die Schnitzereien. Das gilt aber auch für die Grösse: Zwischen zwei Balken ragt ihr mittlerer Aufbau bis vier Zentimeter unter die Decke – da bleibt nicht viel «spatzig». Markus Meier ist erleichtert, als er diesen Mittelbau ohne Probleme auf den Kasten aufsetzen kann.

Die Toggenburger Hausorgel stammt aus dem Jahr 1773; gebaut hatte sie der legendäre Orgelbauer Wendelin Looser aus dem Blomberg bei Ebnat-Kappel. Knapp vierzig solcher Orgeln soll dieser Wendelin Looser gebaut haben, der eigentlich ein Bauer war. Wo und wann er das Handwerk des Orgelbauers erlernt hatte, weiss man heute nicht mehr. Da seine Orgeln aber «höchst fachmännisch in der Art des hochstehenden barocken Orgelbaus» ausgeführt worden seien, sei ein Werdegang als Autodidakt auszuschliessen, wie in einer Dokumentation über Toggenburger Hausorgeln nachzulesen ist.

Wert über 100 000 Franken

Über den Kaufpreis spricht der Geschäftsführer des Roothuus Gonten, Joe Manser, nicht gerne; er räumt aber ein, dass der Wert der erworbenen Hausorgel bei über 100 000 Franken liegt. «Der vormalige Besitzer hat ein riesiges Interesse daran, dass die Orgel an einem öffentlichen Ort zugänglich ist und gespielt wird», sagt er. Das Roothuus kann dies gewährleisten; nach Eröffnungskonzerten plant Joe Manser jährlich mindestens ein Konzert mit der Orgel. Stolz präsentiert er auch Liedersammlungen aus dem 18.

Jahrhundert: «schöne und geistreiche Gesänge», «musikalisches Halleluja» auf dickes Papier gedruckt, in Leder eingefasst.

Dann ertönt aus der Nebenstube der erste Ton der Toggenburger Hausorgel: ein tiefes C. Joe Manser und Markus Meier strahlen. In diesem Moment klingelt auch die Hausglocke des Roothuus; Joe Manser erscheint wieder mit dem Musiker Peter Roth aus Unterwasser; er vertritt im Stiftungsrat des Zentrums für Appenzellische Volksmusik das Toggenburg. Natürlich wollte er dabei sein, wenn die Orgel in Gonten aufgebaut wird.

Und sein Timing hätte besser nicht sein können.

Gemeinsam feiern die Männer Aufrichte. Mit Kaffee und Grappa.

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