TOGGENBURG: «Parteilose sind die grösste Partei»

Der Vormarsch der Parteilosen in den Gemeindebehörden ist schweizweit zu beobachten, sagt der Politologe Michael Hermann. Es geht ihnen um die Sachpolitik.

Serge Hediger
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Politologe Michael Hermann sieht in den Entwicklungen bei den kommunalen Wahlen eine Bestätigung des nationalen Trends. (Bild: Reto Martin)

Politologe Michael Hermann sieht in den Entwicklungen bei den kommunalen Wahlen eine Bestätigung des nationalen Trends. (Bild: Reto Martin)

Bei den Gemeindewahlen vom letzten Septemberwochenende haben die Parteilosen am meisten zulegen können (das Toggenburger Tagblatt berichtete). Sie steigerten im Vergleich mit den Ergebnissen von 2012 ihre Vertretung in den kommunalen Behörden von 17,6 auf 25,9 Prozent. Damit gehört im Toggenburg jedes vierte Mitglied von Gemeinderat, Schulrat oder Geschäftsprüfungkommission (GPK) keiner Partei an. Gleichzeitig konnten FDP und CVP ihre Führungspositionen halten. Wie der Politologe Michael Hermann erklärt, ist dieser Trend national zu beobachten.

Wie ist der Vormarsch der Parteilosen zu erklären?

Michael Hermann: Dieser Trend ist grundsätzlich in der ganzen Schweiz und sehr breit sichtbar. Insbesondere in den ländlichen Regionen der Schweiz sind die Parteilosen inzwischen oft zur grössten Partei geworden. Das hat damit zu tun, dass in den eigentlichen Parteien immer stärker nationale Themen und nationale Figuren dominieren.

War das früher anders?

Früher waren lokale Eigenheiten und lokale Themen eher Teil einer Parteiidentität. Parteien sind heute viel ideologischer aufgeladen. Auf der lokalen Ebene, auf dem Land, wollen die Menschen lieber reine Sachpolitik machen und weniger in solchen Schubladen gesteckt werden.

Die SVP stellt im Toggenburg mit einem Wähleranteil von 34,1 Prozent die meisten Kantonsräte. In der Kommunalpolitik ist jedoch nur gerade jeder Zehnte Mitglied der Volkspartei. Wie ist das zu erklären?

Im Kanton St. Gallen hat die SVP weniger Tradition als etwa in den Kantonen Bern oder Thurgau. Sie ist ein Import, der regionale Ableger gebildet hat. Im Entlebuch beispielsweise ist die Situation ähnlich: Auch hier spielen nationale Themen, wegen denen die SVP-Vertreter nach Bern gewählt wurden, kommunal kaum eine Rolle. FDP und CVP indessen treten dort vermehrt mit lokal verankerten Figuren auf. Hinzu kommt: Die SVP schliesst bei Majorzwahlen wie den Gemeindewahlen traditionell weniger gut ab als bei Proporzwahlen. Das gilt übrigens auch für die SP. Bei Gemeindewahlen ist der Wähler interessierter und weniger emotional als bei kantonalen oder nationalen Wahlen.

Obwohl die CVP im Wahlkreis Toggenburg bei den Behördenvertretern leicht zugelegt hat, hat sie jedoch in Mosnang das Gemeindepräsidium an die SVP, in Kirchberg an die FDP verloren. Wie wichtig ist ein solches Präsidium?

Es ist vor allem symbolisch wichtig. Schliesslich ist es ein Zeichen von Dominanz, denn es sind die dominanten Kräfte, die ein Präsidium stellen.

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