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TOGGENBURG: Olympia-Stress im Toggenburg wegen Anti-Doping-Fläschchen

Können Proben ausgetauscht, Flaschen gefälscht werden? Nach der jüngsten Kritik an den Hightech-Behältern der Berlinger AG reagiert die Toggenburger Firma mit raschen technischen Anpassungen. Und mit einem Pressetreffen, an dem ihre Hilflosigkeit greifbar ist.
Ralf Streule
Produzieren Dopingfläschchen im Akkord: Die Toggenburger Firma Berlinger AG.

Produzieren Dopingfläschchen im Akkord: Die Toggenburger Firma Berlinger AG.

Wer das Treppenhaus der Berlinger AG betritt, spürt schnell, welches Bild die Firma von sich zeichnet. Hier ein Foto der Churfirsten in ihrer Schönwetter-Pracht. Dort eines von ausländischen, staubig-heissen Flugplätzen, auf denen Berlinger-Kisten auf Schultern getragen werden. Daneben Detailaufnahmen von Sprintern in den Startblöcken. Hier also das ländliche Toggenburg, die familiäre Unternehmensführung, die Schweizer Qualität; dort die grosse weite Sportwelt: So definiert sich die Traditionsfirma aus Ganterschwil, dieses Selbstverständnis trägt sie nach aussen.

Im Fokus der internationalen Sportpolitik

Das Bild der bodenständigen aber weltoffenen Firma vermittelt am gestrigen Morgen auch CEO Andrea Berlinger, die das Unternehmen in sechster Generation führt. «Wir stehen für sauberen Sport ein», sagt sie an einem Pressetreffen. In ihren Worten schwingt Betroffenheit mit. Darüber, dass die lange als manipulationssicher geltenden Dopingtest-Behälter der Firma dies wohl eben doch nicht immer waren – oder sind. Und dass es die Firma zuletzt nicht schaffte, den Dopingbetrügern den entscheidenden Schritt voraus zu sein. «Wir stehen für sauberen Sport ein.» – Es ist ein leiser Satz in einem lauten medialen Sturm, der über die Firma hereingebrochen ist. Wörtlich sagt der für die Krisenkommunikation hinzugezogene Mediensprecher Hans Klaus: «Die Firma ist mitten in einen sportpolitischen Wirbelsturm geraten.» Um den Wirbelsturm zu begreifen, welchem die über 150-jährige Firma derzeit ausgeliefert ist, braucht es den Blick zurück. Seit 1998 beliefert sie Sportverbände und Antidopingagenturen mit Behältern für A- und B-Dopingproben. Das zentrale Merkmal der Hightech-Flaschen: Sie dürfen nicht mehr geöffnet werden können, bevor sie im Labor mit einer Spezialmaschine aufgebrochen werden. Schon 2016 erfuhr die Firma, dass es genau in dieser zentralen Sache Probleme gibt: Es wurde damals publik, dass bei Olympia 2014 in Sotschi Proben russischer Athleten ausgetauscht wurden. Für die Firma war es ein Schock, der aber schnell überwunden schien: Eine neue Produktelinie versprach noch mehr Sicherheit, im Herbst 2017 wurde sie eingeführt. Aus der Produktelinie «Bereg-Kit» wurde «Bereg-Kit Geneva». Kürzlich nun aber der neuerliche Schlag: Ein internationales Journalisten-Team um die ARD – mit Beteiligung des Schweizer Online-Magazins «Republik» – schrieb und sprach von überraschend einfach geglückten Versuchen, Flaschen zu öffnen und zu fälschen. Dies beim neusten Berlinger-Behältersortiment.

4350 neue Flaschen-Sets für Pyeongchang

Keine Frage also: Das Bild von der Schweizer Qualitätsfirma und dem Firmenslogan «Feel safe» hat diesmal noch tiefere Kratzer erhalten. Das Berlinger-Team weiss, dass das Ausmass der neuerlichen Enthüllungen gross ist. Sollten Proben tatsächlich austauschbar sein, sei die ganze Antidoping-Bewegung eine Farce, sagen Experten. Nicht nur, dass positive Proben zum Verschwinden gebracht werden könnten. Fast verheerender ist, das Sportler positive Tests juristisch problemlos anprangern könnten.

Und so lud die Firma gestern auch zum Medientermin, um Wogen zu glätten, um sich die Möglichkeit zu geben, einige Dinge abzudämpfen, vielleicht auch zu verarbeiten. Schnell hat sich die Firma nach den kritischen Medienberichten aufgemacht, die Behälter neuerlich anzupassen. Dies im Auftrag des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Das Gremium um Präsident Thomas Bach wollte noch vor den Olympischen Spielen eine neue Generation von Flaschen präsentieren; vor zehn Tagen erreichte der Auftrag die Firma im Toggenburg. Konkret hiess dies: Die alte Produktelinie «Bereg-Kit» wurde wieder aufgenommen und mit «Sicherheitsfeatures» ergänzt, was Fälschungssicherheit angeht, wie es gestern hiess. Tag und Nacht habe man zuletzt auf dieses Ziel hingearbeitet, so Andrea Berlinger. Details zu den neuen «Features» gibt es nicht: «Wer diese preisgibt, verliert bereits wieder an Sicherheit.» 4350 der neuen Test-Kits werden nun für die Winterspiele in Pyeongchang verwendet, jene der bisherigen Linie – von denen 60 000 Kits produziert wurden – werden ausgetauscht.

Damit nehme man die vom internationalen Journalisten-Pool durchgeführten Betrugstests ernst, sagt Klaus. Weiterhin wisse man aber nicht, unter welchen Bedingungen jene Versuche durchgeführt wurden. «Wir haben Kontakt zu den Journalisten aufgenommen, ihre Berichte sind für uns allerdings nicht im Detail nachvollziehbar. War das Handling beim Verschliessen der Flaschen so, wie wir es empfehlen und lehren?» Ausgiebige firmeninterne Tests seien zu anderen Ergebnissen gekommen – und die Flaschen seien «immer von Spezialisten zertifiziert». Andrea Berlinger sagt: «Nicht auf alle Betrügereien mit unserem Produkt gibt es Antworten.» Und wenn Klaus erklärt, man sei in einen «sportpolitischen Wirbelsturm» geraten, fügt er an: Man sei vielleicht auch etwas zu einem Spielball geworden für die Mächtigen im Sport.

«Es gibt derzeit einfach keine besseren Produkte»

Dass die Firma mit 90 Mitarbeitern in Ganterschwil «nur das Beste will für den Sport», nimmt man ihr ab. Und auch wenn die Hilflosigkeit greifbar ist an diesem Treffen: So schnell wird sie sich, das wird ebenfalls klar, von der Krise nicht unterkriegen lassen. Schliesslich hat sich die ehemalige Baumwollweberei schon mehrmals neu erfunden und die Textilkrise für eine Umorientierung genutzt. Und, vielleicht noch entscheidender: Die Weltdopingagentur und das IOC zählen weiter auf die Toggenburger. Klaus weiss weshalb: «Es gibt keine besseren Produkte auf dem Markt.»

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