TOGGENBURG: Nachtarbeit: Ein Gesetz, viele Ausnahmen

Damit Nachtarbeit möglich ist, müssen Arbeitgeber Bewilligungen einholen. Arbeitsinspektor Ralph Schacher gibt Auskunft.

Anina Rütsche
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Da auch nachts Unfälle passieren können, sind bei der Rettung St.Gallen rund um die Uhr Mitarbeitende im Einsatz. (Bild: Anina Rütsche)

Da auch nachts Unfälle passieren können, sind bei der Rettung St.Gallen rund um die Uhr Mitarbeitende im Einsatz. (Bild: Anina Rütsche)

In unserer Sommerserie «Nachtaktiv» haben wir der Leserschaft in den vergangenen Wochen Menschen vorgestellt, deren Arbeitsleben sich ganz oder teilweise in den dunklen Stunden abspielt. Dass solche Einsätze möglich sind, ist aber nicht selbstverständlich, sondern seitens der Unternehmen grundsätzlich bewilligungspflichtig. Das Arbeitsgesetz umfasst nämlich detaillierte Vorgaben zu Ruhezeiten, Entschädigungen und Kompensationen. Ralph Schacher, Arbeitsinspektor beim Amt für Wirtschaft und Arbeit des Kantons St.Gallen , ist mitverantwortlich dafür, dass die Vorgaben in unserem Kanton eingehalten werden. Im Interview gibt er Auskunft über seine Tätigkeit und die Hintergründe für eine Bewilligung der geplanten Nachtarbeit.

Ralph Schacher, Arbeitsinspektor. (Bild: PD)

Ralph Schacher, Arbeitsinspektor. (Bild: PD)

Ralph Schacher, wann spricht man von Nachtarbeit?

Nachtarbeit heisst, dass jemand zwischen 23 und 6 Uhr seiner beruflichen Tätigkeit nachgeht. Zwischen 6 und 20 Uhr handelt es sich um Tagesarbeit, von 20 bis 23 Uhr ist es Abendarbeit. Wenn die Mehrheit der betroffenen Arbeitnehmenden zustimmt, kann der Beginn und das Ende der Nachtarbeit um maximal eine Stunde vor- oder nachverschoben werden, also von 22 bis 5 Uhr oder von 24 bis 7 Uhr.

Wer darf Nachteinsätze leisten?

Für Jugendliche unter 18 Jahren ist Nachtarbeit nur in bestimmten Lehrberufen für die Erreichung der Ausbildungsziele erlaubt. Für Schwangere gelten ebenfalls Sonderschutzbestimmungen. Ansonsten können grundsätzlich alle Arbeitnehmenden eingesetzt werden, sofern deren Einverständnis vorliegt. Angestellte, die 25 und mehr Nachteinsätze pro Jahr leisten, in der Nacht ihren Beruf ausüben, haben auf Verlangen Anspruch auf medizinische Untersuchung und Beratung, welche vom Unternehmen bezahlt werden muss. Studien haben nämlich gezeigt, dass der durch Nachtarbeit verschobene Biorhythmus auf die Dauer krank machen kann.

Welche Bedingungen gelten für die Nachtarbeit?

Vorübergehende Nachtarbeit muss das Unternehmen beim kantonalen Amt für Wirtschaft und Arbeit rechtzeitig bewilligen lassen. Diesbezüglich müssen besondere gesetzliche Voraussetzungen erfüllt sein. Eine solche ist beispielsweise gegeben, wenn Arbeiten aus sicherheitstechnischen Gründen ausschliesslich in der Nacht erledigt werden ­können. Dauernde oder regelmässig wiederkehrende Nachtarbeit muss beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) beantragt werden.

Andreas Hnatek ist Lokomotivführer bei der Schweizerischen Südostbahn. Er steuert Züge bei Tag und Nacht durchs Toggenburg. (Bild: Liska Meier)
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Damit Automobilisten schon frühmorgens einen Kaffee und ein Sandwich kaufen können, muss Julia Hagmann schon um 4.45 Uhr mit der Vorbereitung beginnen. (Bild: Martina Signer)
Für das Servicepersonal beginnt die Arbeit oft dann, wenn alle anderen ihr Feierabendbier geniessen. Auch Srboslava Jezdimirovic arbeitet im Kirchberger «Toggenburgerhof» in den Randstunden. (Bild: Urs M. Hemm)
Auf Patrouille mit der Kantonspolizei: Auch in der Nacht sorgen die Ordnungshüter für Sicherheit im Thur- und Neckertal. (Bild: Martin Knoepfel)
Damit am nächsten Tag wieder produziert werden kann, muss die Reinigung in der Bazenheider Micarna nachts stattfinden. (Bild: Beat Lanzendorfer)
In der Luft gehen die Uhren sowieso anders. Mirjam Holenstein arbeitet bei der Edelweiss Air zu entsprechend unregelmässigen Zeiten. (Bild: Beat Lanzendorfer)
Felix Oswald, Luana Lanzendorfer und Heidi Meile (von links) von der Bazenheider Bäckerei Oswald arbeiten dann, wenn andere noch schlafen. (Bild: Beat Lanzendorfer)
Im Auftrag der Wattwiler RKW Reinigungen ist Sandra Beslema für die Reinigung der Kägi-Räumlichkeiten zuständig. Ihr Arbeit beginnt, wenn der Shop schliesst und die Büro-Arbeiter in den Feierabend gehen. (Bild: Martina Signer)
Für Unterhaltsarbeiten an der Umfahrung Bazenheid muss in die Abend- und Nachtstunden ausgewichen werden, um den Verkehr nicht zu stark zu beeinträchtigen. (Bild: Martin Knoepfel)
Damit die ersten Pendlerinnen und Pendler informiert in den Tag starten, bereitet die Wattwilerin Lara Abderhalden beim Radio FM1 ab 4 Uhr morgens die Nachrichtensendung vor. (Bild: Ruben Schönenberger)
Im Zweckverband Abfallverwertung Bazenheid (ZAB) wird das ganze Jahr über im 24-Stunden-Betrieb gearbeitet. Alfons Scherrer, Michael Höftberger und Bruno Scheiwiller (von links) gehören zum Team. (Bild: Beat Lanzendorfer)
Walter Nagel chauffiert ab und an den Nachtbus. Das Fahren in der Nacht sei weniger hektisch. (Bild: Liska Meier)
Im Spital Wattwil herrscht rund um die Uhr Betrieb. Stefanie Forrer startet um Mitternacht zu ihrem ersten Rundgang des Arbeitstages. (Bild: Martina Signer)
Die Kundinnen und Kunden der Migros erwarten am frühen Morgen volle Regale. Damit das möglich ist, starten die Mitarbeiterinnen früh in den Arbeitstag. (Bild: Sabine Schmid)
Wenn jemand verunfallt, sind die Rettungssanitäter schnell zur Stelle. Zu jeder Tages- und Nachtzeit. Beda Suter aus Mosnang ist einer von ihnen. (Bild: Anina Rütsche)
Sabri De Martin belädt einen 80 Lastwagen, die bei der Holenstein AG im Kirchberger Stelz jede Nacht abgefertigt werden. (Bild: Beat Lanzendorfer)
Dominique Krapf aus Kirchberg arbeitet als Feuerwehrmann unter anderem auf dem Flughafen Zürich. Dort muss er im Notfall innert 20 Sekunden am Einsatzort sein. (Bild: PD)
Die Bazenheiderin Nicole De Marianis arbeitet seit 18 Jahren als Hebamme am Kantonsspital Frauenfeld. 1200 Kindern hat sie in dieser Zeit auf die Welt geholfen. (Bild: Beat Lanzendorfer)
Franz Patelli steuert seit 16 Jahren Postautos im Fürstenland, auch in der Nacht. (Bild: Beat Lanzendorfer)

Andreas Hnatek ist Lokomotivführer bei der Schweizerischen Südostbahn. Er steuert Züge bei Tag und Nacht durchs Toggenburg. (Bild: Liska Meier)

Für wen gilt das Arbeitsgesetz?

Es gilt für den Grossteil der erwerbstätigen Bevölkerung. Allerdings gibt es Ausnahmen, zum Beispiel für Selbstständigerwerbende.

Spielt es bezüglich Gesetz eine Rolle, ob die vorgeschriebenen Arbeitsstunden tagsüber oder nachts geleistet werden?

Sobald in der Nacht gearbeitet wird, dürfen die Angestellten im Vergleich zur reinen Tages- und Abendarbeit grundsätzlich nur maximal neun Stunden im Zeitraum von zehn Stunden, inklusive Pausen, beschäftigt werden. Allen Arbeitnehmenden ist wie gewohnt eine tägliche Ruhezeit von mindestens elf aufeinanderfolgenden Stunden zu gewähren und die entsprechende Pausenregelung ist einzuhalten Die wöchentliche Höchstarbeitszeit nach Arbeitsgesetz bleibt bestehen. Sie ­beträgt 45 Stunden in industriellen ­Betrieben, für Büropersonal und für technische Angestellte sowie für Verkaufspersonal in Grossbetrieben des Detailhandels. Für alle übrigen Arbeitnehmenden sind es 50 Stunden. Zu dieser Kategorie gehören beispielsweise Assistenzärztinnen und -ärzte oder Handwerker.

In welchen Branchen kommt Nachtarbeit hauptsächlich vor?

Nachtarbeit betrifft insbesondere das Personal im Gesundheitswesen, in der Gastronomie, in Bäckereien sowie im Bereich der Bewachung und Überwachung.

Wie wird Nachtarbeit vergütet?

Allen Arbeitnehmenden, welche vorübergehend weniger als 25 Nächte pro Kalenderjahr arbeiten, muss der Arbeitgeber für diese Zeit einen Lohnzuschlag von mindestens 25 Prozent entrichten. Denjenigen, die dauernd oder regelmässig wiederkehrend in der Nacht arbeiten, haben Anspruch auf eine Kompensation von zehn Prozent der Nachtarbeitszeit. Dieser Ausgleich ist innerhalb eines Jahres zu gewähren.

Wie geht ein Unternehmen idealerweise vor, wenn es seine Angestellten nachts beschäftigen möchte?

Wir unterscheiden zwischen vorübergehender und dauernder, regelmässig wiederkehrender Nachtarbeit. Erstere tritt auf, wenn die Dauer der Nachteinsätze sporadisch oder befristet ist. Der Betrieb muss bei vorübergehender Nachtarbeit mindestens zwei Wochen im Voraus eine Bewilligung beim kantonalen Amt für Wirtschaft und Arbeit einholen. Regelmässig, wiederkehrende Nachtarbeit sollte mindestens drei Monate zuvor beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) beantragt werden.

Als Arbeitsinspektor sorgen Sie dafür, dass die Unternehmen im Kanton St. Gallen das Arbeitsgesetz einhalten. Wie gehen Sie dabei vor?

Durch angemeldete oder unangemeldete Firmenbesuche. Bei diesen Kontrollen überprüfe ich anhand von Dokumenten und Befragungen, ob die arbeitsgesetzlichen Bestimmungen eingehalten werden.

Und was geschieht, wenn diese arbeitsgesetzlichen Bestimmungen nicht eingehalten werden?

Dann weise ich die Arbeitgeber auf die Missstände hin und erkläre, welche Änderungen nötig sind. Die Verantwortlichen der Unternehmen sind verpflichtet, diese durchzusetzen – zum Beispiel, dass alle Angestellten ihre Arbeitszeiten systematisch oder unter gewissen Voraussetzungen vereinfacht erfassen müssen. Oder dass der Arbeitgeber alle Massnahmen zum Schutz der Gesundheit der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu treffen hat. Stellen die Behörden fest, dass in einem Betrieb gesetzeswidrig gearbeitet wird, kann dies unter gewissen Bedingungen eine Strafanzeige mit sich ziehen.

Aus welchen Gründen kommt es denn vor, dass sich Arbeitgeber nicht ans Arbeitsgesetz halten?

Eher selten wird das Gesetz vorsätzlich missachtet. Meistens aber ist es so, dass die Arbeitgeber und auch die Arbeitnehmenden sich der Einzelheiten des Gesetzes nicht bewusst sind.