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TOGGENBURG: Ehemalige Sozialhilfebezügerin: «Einfach nicht aufmucken»

Immer mehr Menschen fallen durch die Maschen des sozialen Netzes, sind lange arbeitslos oder sind aus anderen Gründen auf die Hilfe des Staates in Form von Sozialhilfe angewiesen.
Urs M. Hemm
Der Gang zum Sozialamt ist für viele noch immer mit einem Gefühl des Versagens und mit Scham verbunden. (Bild: Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe (SKOS))

Der Gang zum Sozialamt ist für viele noch immer mit einem Gefühl des Versagens und mit Scham verbunden. (Bild: Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe (SKOS))

Sozialhilfe zu beziehen, ist in unserer Gesellschaft noch immer mit einem Makel verbunden. Die Quote der Bezüger hat im vergangenen Jahr jedoch wieder zugenommen, alle werden mit diesem Thema konfrontiert. Monika*, selbst vor Jahren Sozialhilfeempfängerin, spricht über ihre Erfahrungen.

Wie sind Sie in die Situation gekommen, Sozialhilfe beziehen zu müssen?

Es war die Scheidung. Meine Tochter war eineinhalb Jahre alt, mein Sohn noch unterwegs. Da seitens meines Ex-Mannes keine finanzielle Unterstützung zu erwarten war – und auch nie eine erfolgte – war mir ziemlich bald klar, dass meine Familie und ich Sozialhilfe beantragen müssen. Eine Arbeitsstelle zu finden, die meinen damaligen familiären Verhältnissen gerecht geworden wäre, war schwierig. Auch die Organisation der Betreuung meiner Kinder war nicht möglich. Ich habe daher auf die Sozialhilfe gesetzt und gehofft, dass sich irgendwann wieder eine Tür für mich öffnet. Am Anfang war diese Tür, dass ich Mutterschaftshilfe von Seiten des Kantons, jedoch noch keine Sozialhilfe von der Gemeinde bekommen habe.

Wie erlebten Sie die Unterstützung durch die Wohngemeinde?

Die Unterstützung der Gemeinde verlief insbesondere in den Gesprächen sehr spartanisch. Da war nicht viel Zeit für eine Beratung und auch kein Engagement zu spüren. Ich musste regelmässig meine Unterlagen vorlegen, wurde aber jeweils nach kurzer Zeit wieder nach Hause entlassen.

Wurden Sie neben der finanziellen Entlastung in dieser sicherlich schwierigen Situation auch mental unterstützt?

Mental wurde ich vor allem durch meine Eltern und meine Geschwister unterstützt. Ebenfalls Hilfe bot ein Arzt aus dem Dorf. Unterstützende Hilfe gab es zudem durch Gespräche von der Stelle Familienplanung und von den Sozialen Fachstellen Toggenburg in Wattwil. Daneben gab es Spendengelder oder Spenden in Form vom Naturalien, wie Kleider und Möbel, von der Caritas oder von der Spendenaktion Ostschweizer helfen Ostschweizern sowie von den beiden Kantonalkirchen.

Wie viel Sozialhilfe haben sie monatlich beziehen können?

Damals, im Jahr 2002, waren es für einen Drei-Personen-Haushalt 1880 Franken. Dazu kam der Grundbedarf Kategorie II in der Höhe von 85 Franken sowie Miete inklusive Nebenkosten von 1300 Franken. Insgesamt wurden mir monatlich 3322.90 Franken ausbezahlt – vor den Steuern.

Wie konnten Sie ihre Lebenshaltungskosten wie Miete, Krankenversicherung für sich und Ihre Kinder sowie Ausgaben für den täglichen Bedarf für Ihre Familie einteilen?

Für die Miete sowie für die Grundversicherung im Krankheitsfall war gesorgt. Dennoch blieb am Ende des Monats nicht viel Geld übrig. Sparen war fast nicht möglich und Ausgaben wie Zahnarztrechnungen für meine Kinder und mich oder für ein neues Kinderbett sprengten deutlich das Budget. Viele Möbel stammen aus dem Brockenhaus, Kinderkleider, vor allem teure Winterkleider oder Skianzüge, wurden nachgetragen oder wir erhielten Ausgedientes von Bekannten. Am wichtigsten war mir, dass wir unser Auto behalten konnten und Ausflüge machen durften. Wir fuhren beispielsweise in die Badi, zum Schlitteln oder besuchten Verwandte. Da wir abgelegen wohnten, wären wir ohne Auto verloren gewesen.

Sie wollten dieses Gespräch nicht in Ihrer Heimatgemeinde führen. Spürten Sie eine Stigmatisierung, weil Sie sich in dieser Situation befanden?

Ich war und bin eine Zugezogene. So wurde und wird ohnehin über mich geredet.

Haben Sie auch selbst etwas getan, damit Sie in Ihrer Gemeinde nicht als Sozialempfängerin auffallen? Beispielsweise jeden Morgen das Haus verlassen, um den Eindruck zu vermitteln, Sie gingen zur Arbeit?

Nein. Ich habe mich einfach so unauffällig wie möglich verhalten, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Einfach nicht aufmucken.

Welche zusätzliche Hilfe hätten Sie sich von der Gemeinde oder vom Staat gewünscht?

Ich hätte mir vor allem mehr Verständnis für die Situation gewünscht. Dass nicht mehr Geld gesprochen wurde, kann ich nachvollziehen. Aber kaum einer manövriert sich selber in die Sozialhilfe. Mein «Pech» war, das ich damals geheiratet habe, die Scheidung folgte und mein Ex-Mann keine Alimente bezahlte. Zudem hatte ich kleine Kinder, für die ich alleine die Verantwortung zu tragen hatte.

Was taten Sie selbst, um aus dieser unglücklichen Situation herauszukommen?

Sozialhilfe beziehen zu müssen oder zu dürfen hilft einem in erster Linie, diese kritische Situation zu überstehen, und nimmt zuerst den finanziellen Druck. Je länger es aber dauert, umso unbefriedigender wird es für einen selber, denn man kommt nicht vorwärts. Später baute auch das Sozialamt Druck auf. Man sollte wieder arbeiten, spätestens dann, wenn die Kinder eingeschult werden. Ich habe alles daran gesetzt, bereits vorher wieder selbstständig und frei zu werden. Ich habe für mich eine Umschulung organisiert, welche von der evangelischen Frauenhilfe St. Gallen finanziert wurde, und damit begonnen, als Freischaffende zu arbeiten. Diesen Lohn konnte ich jedoch nicht zusätzlich beziehen. Der Betrag wurde einfach von der Sozialhilfe abgezogen. Das abgelegene Wohnen wurde zunehmend schwierig. Wir konnten umziehen, wohnten zentraler, mit kürzeren Wegen und mit Anschluss an den öffentlichen Verkehr. In der neuen Gemeinde habe ich mit meiner Familie neu beginnen können – ohne Sozialhilfe. Aber am Anfang mit weniger Geld als noch mit Unterstützung von der Sozialhilfe.

* Name der Redaktion bekannt

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