Tödliche Sauerei auf der Weide

Achtlos weggeworfener Abfall macht Kühe krank. Bauern in der Region St. Gallen beklagen, das Abfallproblem auf den Wiesen habe zugenommen. Hundekot und Plastik vergiften Kühe, Glas- und Alu-Splitter lassen sie innerlich verbluten.

Nina Rudnicki
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Littering im öffentlichen Raum ist ein Ärgernis. Auf Weiden wird es für Tiere schnell lebensbedrohlich. (Symbolbild: Hanspeter Schiess)

Littering im öffentlichen Raum ist ein Ärgernis. Auf Weiden wird es für Tiere schnell lebensbedrohlich. (Symbolbild: Hanspeter Schiess)

REGION ST. GALLEN. Viel befahrene Strassen sind oft von Abfall gesäumt. Das kann üble Folgen haben: Erst kürzlich ist die Kuh eines Toggenburger Bauern an der Berninapass-Strasse an einem Stück Plastik erstickt, wie die Wiler Zeitung berichtete. Auch die Landwirte in der Region St. Gallen kennen dieses Problem. Auf ihren Wiesen liegen Papiersäcke, Plastikverpackungen, Pet-Flaschen und vor allem Aludosen. Der Abfall sei eine Katastrophe, sagt eine Bäuerin aus Mörschwil. An manchen Tagen könne man ganze Plastiksäcke mit aufgelesenem Abfall füllen. In den vergangenen Jahren habe das Problem zugenommen. Diesen Eindruck hat auch Landwirt Niklaus Künzle aus Waldkirch. Sein Hof liegt an der Strasse Richtung Engelburg. «Vor 30 Jahren war die Situation längst nicht so schlimm wie heute», sagt er. Aber im Vergleich zu anderen Landwirten habe er noch Glück. Ihm sei in jüngster Zeit keine Kuh wegen verschluckten Abfalls gestorben. Nur im Winter habe eine seiner Kühe verdächtige Symptome gehabt: Sie habe aufgehört zu fressen und Fieber bekommen.

Magnet für den Magen

In solchen Fällen kann der Bauer einen kleinen Magneten durch den Hals der Kuh in deren Magen hinunterlassen. Hat die Kuh einen Nagel oder Draht verschluckt, lässt sich dieser so herausfischen. Schwieriger werde es, wenn es sich um nicht-magnetische Gegenstände wie Aludosen oder Glassplitter handle, sagt Andreas Widmer, Geschäftsführer des St. Galler Bauernverbands. «Weil heute in der Landwirtschaft maschinell gearbeitet wird, werden die Dosen und Glasflaschen geschreddert und gelangen als kleine spitze Teile ins Futter.» Im Extremfall verblute eine Kuh an inneren Verletzungen. Ein weiteres Problem ist laut Widmer nebst dem Abfall der Hundekot. «Gelangt dieser über das gemähte Gras ins Futter, können sich die Bakterien ausbreiten und die Kühe ebenfalls krank werden.»

Der Wittenbacher Landwirt Silvan Eberle hat schon zwei Kühe verloren, bei denen die Ursache nicht klar war. Die Vermutung habe nahe gelegen, dass die Kühe Alu oder Glas verschluckt hätten, sagt er. Um diese Gefahr zu verringern, sammelt Eberle jeweils im Frühling, bevor das Gras zu wachsen beginnt, den Abfall auf seinem Land zusammen. Dabei füllt er jeweils etwa einen kleinen Kehrichtsack. Ausserdem stellt er auf seinem Grundstück eine Tafel auf, welche auf die Folgen der Vermüllung für Kühe und Natur aufmerksam macht.

Zigaretten und Hundekot

Tierarzt Thomas Würth, Inhaber der Tierklinik Tannenberg in Waldkirch, ist zuständig für das Vieh rund um die Gemeinde. Er kennt das Abfallproblem seit Längerem: «Nebst Büchsen und Glassplittern sind vor allem Plastikteile sehr gefährlich, da sie giftige Weichmacher enthalten.» Wie viele Kühe pro Jahr wegen verschluckter Abfälle erkranken, sei aber nicht abzuschätzen. Zahlen hat man auch bei der St. Galler Kantonspolizei nicht. Wird jemand allerdings beim Littering erwischt, droht ihm eine Ordnungsbusse zwischen 50 und 200 Franken. Das scheint viele Personen aber nicht abzuschrecken. Imelda Muheim aus Wittenbach ist seit 30 Jahren Landwirtin. Früher seien es vor allem Zigarettenstummel gewesen, die sie auf ihrem Boden gefunden habe, sagt sie. Mittlerweile säume von Red-Bull-Dosen bis zu gebrauchten Hundekot-Säcken alles die Wiese. «Wenn ich die Hundesäckli finde, frage ich mich, wieso die Besitzer sich die Mühe machen, den Hundekot aufzunehmen, wenn sie die gefüllten Säcke danach sowieso ins Gras werfen», sagt sie. «Leider machen sich viele Menschen wohl keine Gedanken darüber, dass ein Hundekot oder eine einzige Büchse reicht, um eine ganze Futterladung zu verseuchen.»