Teurer Quickie

Seit ich mich erinnern kann, liebe ich Tiere. Grosse und kleine, schleimige oder schuppige, gefiederte oder pelzige. Als Kind habe ich jede Schnecke von der Strasse aufgelesen und alle jungen Vögel vor Nachbars Katze in Sicherheit gebracht.

Karin Erni
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Bild: Karin Erni

Bild: Karin Erni

Seit ich mich erinnern kann, liebe ich Tiere. Grosse und kleine, schleimige oder schuppige, gefiederte oder pelzige. Als Kind habe ich jede Schnecke von der Strasse aufgelesen und alle jungen Vögel vor Nachbars Katze in Sicherheit gebracht. In einem seltsamen Kontrast zu dieser Tierliebe stand jedoch stets die Lust, Fleisch zu essen. Ich war das, was man einen Fleischtiger nennt. Beim Buffet fischte ich zielsicher nach den grössten Brocken und überliess die öde Sättigungsbeilage getrost den anderen.

Doch dann passierte dieser Sturz mit dem Velo. Die Haut hing in Fetzen vom Knie herunter und gab den Blick ins Innere meines Körpers frei. Der Anblick von Blut und Sehnen machte mir die biologische Verwandtschaft von mir und dem Steak auf dem Teller schmerzhaft bewusst. Die Folge: Ich vermied wochenlang jeglichen Fleischkonsum. Leicht angeekelt umschiffe ich seither mit dem Einkaufswagen grossräumig das Fleischregal. Schon bald fühle ich mich als Heldin. Es ist, als ob ich schon immer Vegetarierin gewesen wäre. Und so wird es an der Zeit, in der Mittagspause den Arbeitskollegen meinen neuen Ernährungsstatus kundzutun. Doch es ist wie verhext: Am Nachmittag nach meinem Outing ist da plötzlich dieser Bratwurstduft. Ich weiss nicht, ob er real ist, oder ob ich bereits halluziniere. Er zieht durch das Büro, schleicht sich in meine Nase und wabert von da direkt ins Hirn. Vor meinem inneren Auge erscheinen Bratwürste in allen Grössen und Bräunungsstadien. Mir wird schwindlig ob all der braungebrannten Schönheiten, die vor mir herumtanzen. Am Feierabend fahre ich mit dem Auto auf dem schnellsten Weg ins Dorfzentrum und hechle wie ein Junkie auf Entzug zum Bratwurststand beim Grossverteiler. In kürzester Zeit verschlinge ich das Objekt der Begierde. Mit schlechtem Gewissen kehre ich nach der Tat zum Wagen zurück. Unter dem Scheibenwischer klemmt eine Busse von 40 Franken. Teure zehn Minuten. Für dieses Geld hätte ich mir ein riesengrosses Steak von einem Rind aus biologischer Freilandhaltung mit persönlicher Wellnessanlage kaufen können. Oder noch besser: ein halbes Dutzend Tofuburger.

Bild: Karin Erni

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