Tête-à-Tête mit Paracelsus & Co.: Die neue Ausstellung im Volkskundemuseum Stein widmet sich der Naturheilkunde im Appenzellerland 

Ausserrhoden hat das liberalste Heilmittelgesetz aller Schweizer Kantone. Aus diesem Grund konnten sich traditionelle Praktiken bis heute erhalten. Die neue Ausstellung im Volkskunde-Museum nähert sich diesem Phänomen.

Claudio Weder
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Das Appenzellerland ist eine Hochburg für Naturheilmittel. (Bild: Claudio Weder)

Das Appenzellerland ist eine Hochburg für Naturheilmittel. (Bild: Claudio Weder)

Ob Aderlass, Molkenkur, Blutegeltherapie, Schröpfen oder Gesundbeten – im Appenzellerland hat sich eine Vielzahl an traditionellen Naturheilpraktiken erhalten, die bis ins 19. Jahrhundert im ganzen Alpenraum verbreitet waren. Gerade in Ausserrhoden ist bis heute möglich, was in anderen Kantonen längst nicht mehr denkbar ist: Rund 255 Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker sind zurzeit im Kanton tätig, über 700 registrierte, nicht verschreibungspflichtige Arzneimittel sind im Verkehr. Bis heute geniesst das Appenzellerland den Ruf einer einzigartigen Heillandschaft.

Die am Freitag eröffnete Sonderausstellung «Gut ist was hilft» im Appenzeller Volkskunde-Museum in Stein beleuchtet dieses Phänomen aus unterschiedlichen historischen Perspektiven.

Eine 2000 Jahre alte Tradition

«Die Ausnahmestellung im Bereich der Volksmedizin hat das Appenzellerland seiner liberalen Gesetzgebung zu verdanken», erklärt Beat Gugger, Kurator der Ausstellung. Trotz vieler Reformen und Reglemente im Gesundheitswesen auf eidgenössischer Ebene habe der Kanton Appenzell Ausserrhoden seine eigenständige Haltung verteidigen können.

Seit der Landsgemeinde 1871 ist die freie Ausübung von Naturheilverfahren in der Kantonsverfassung verankert. Bis heute kann jede Person, die die kantonale Zulassungsprüfung besteht, in Ausserrhoden als Heilpraktikerin oder Heilpraktiker tätig sein. Mit speziellen Bewilligungen dürfen approbierte Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker sowohl eigene Hausspezialitäten herstellen und an Patienten abgegeben als auch traditionelle Therapieverfahren wie blutiges Schröpfen, Aderlasse, Blutegeltherapien oder Injektionen anwenden.

Ein Schröpfglas für blutiges Schröpfen (links), und ein Schröpfglas mit Gummi-Pumpe für Schröpfmassagen (rechts). (Bild: Claudio Weder)

Ein Schröpfglas für blutiges Schröpfen (links), und ein Schröpfglas mit Gummi-Pumpe für Schröpfmassagen (rechts). (Bild: Claudio Weder)

Die Ausstellung deckt einen Zeitraum von 2000 Jahren ab, sagt Beat Gugger. Ziel sei es, die Appenzeller Naturheillandschaft nicht nur in ihrer gegenwärtigen Situation zu erfassen, sondern ausgehend von der Gegenwart eine historische Dimension aufzuwerfen, die deutlich macht, welche alten Weltbilder sich dahinter verbergen. Die Ausstellung nimmt ihren chronologischen Ausgangspunkt im Hier und Jetzt, führt zur Landsgemeinde im Jahr 1871, und von dort aus zu Paracelsus und der Alchemie zurück.

Alchimistenbüchlein aus dem 17. Jahrhundert

Nicht zuletzt rückt die Ausstellung neben Paracelsus, der Gerüchten zufolge einst im Appenzellerland zugegen war, weitere historische Persönlichkeiten ins Zentrum, die mit der Appenzeller Naturheillandschaft in Verbindung stehen: etwa den Herisauer Pfarrer Johannes Künzle (1857–1945), die in Waldstatt verstorbene Heilerin und Visionärin Emma Kunz (1892–1963) oder den Appenzeller Wundarzt und Alchemisten Ulrich Ruosch (1628–1696).

Das rund 370 Jahre alte Alchemiebüchlein von Ulrich Ruosch bildet das Herzstück der Ausstellung. (Bild: Claudio Weder)

Das rund 370 Jahre alte Alchemiebüchlein von Ulrich Ruosch bildet das Herzstück der Ausstellung. (Bild: Claudio Weder)

Von Letzterem ist ein kleines Büchlein, das gerade so knapp in eine menschliche Hand passt, aus der Mitte des 17. Jahrhunderts überliefert, worin er sein ganzes alchimistisches Wissen dokumentiert hat. Es bildet laut Beat Gugger «das Zückerchen» der Ausstellung.

Hinweis: Die Ausstellung dauert noch bis 1. März 2020.

«Das schlechteste Jahr seit 2012»

Der trockene und heisse Sommer 2018 hat sich im Geschäftsergebnis des Appenzeller Volkskunde-Museums niedergeschlagen: 10519 Besucherinnen und Besucher verzeichnete das Museum im vergangenen Jahr. «Das schlechteste Ergebnis seit 2012», resümiert Verwaltungsratspräsidentin Simone Tischhauser an der 36. Generalversammlung.

Das warme und anhaltende Sommerwetter habe die Leute dazu gebracht, andere Ausflugsziele zu wählen, so ihre Erklärung. Die Betriebsrechnung des Museums schliesst mit einem Verlust von 12310 Franken, budgetiert war ein Verlust von 33247 Franken. An der Generalversammlung wurden zudem drei neue Mitglieder in den Verwaltungsrat gewählt. Es sind dies Nathalie Büsser, Susanne Tobler und Oliver Ittensohn. (wec)