Teamsuche ohne grosse Referenzen

Radprofi Patrick Schelling sucht einen neuen Arbeitgeber. Seine Zeit bei der Schweizer Sportgruppe IAM geht Ende Saison zu Ende. Ein neues Angebot liegt dem Hemberger derzeit jedoch nicht vor. Noch bleiben ihm vier Monate Zeit.

Urs Huwyler
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Radprofi Patrick Schelling macht sich Gedanken über die Zukunft. (Bild: Urs Huwyler)

Radprofi Patrick Schelling macht sich Gedanken über die Zukunft. (Bild: Urs Huwyler)

RADSPORT. Wie soll sich ein Mannschaftssportler für einen Transfer empfehlen, wenn er nicht spielen darf? Etwa so präsentiert sich derzeit die Situation für den Hemberger Radprofi Patrick Schelling. Statt wie erhofft an der Spanien-Rundfahrt oder anderen Rennen das Interesse bei Teams wecken zu können, spult er zu Hause Trainingskilometer ab. Vor wenigen Wochen ist ihm per Mail mitgeteilt worden, der Vertrag bei IAM werde nicht verlängert. «Irgendwie war ich nicht und irgendwie doch überrascht», weiss er nicht richtig, wie er den Entscheid einordnen soll.

Irgendwie nicht, weil er nie über längere Zeit rennmässig eingesetzt wurde, wie in den Vorjahren immer wieder Wettkampfpausen den Rhythmus brachen, die spektakulären Resultate und damit Referenzen fehlen. Irgendwie schon, weil ihm von allen Seiten attestiert wird, er verfüge über einen starken Motor, erziele bei den Leistungstests überdurchschnittliche Werte. Zuletzt benötigte er weniger als 18 Minuten von Altstätten auf den Stoss. Was ein «Pro»-Argument sein müsste. «Manche sagen», fügt Patrick Schelling erklärend an, «ich solle im Training nicht immer Vollgas fahren. Aber wenn ich keine Einsätze habe, muss ich rennmässig trainieren.»

Kletterspezialist

Patrick Schelling befindet sich seit Monaten in der klassischen «Die Katze beisst sich in den Schwanz»-Situation. Weil beim Helfer die Resultate fehlen, erhält er kaum Einsätze, weil er keine Einsätze erhält, fehlen die Resultate, er wird nicht aufgeboten und kann keine Resultate liefern. «Sportliche Leiter anderer Mannschaften denken wohl, wenn ein Schweizer aus einer Schweizer Equipe fliegt, müsse etwas vorgefallen sein oder er könne nichts. Dabei habe ich teamintern keine Probleme, bin überzeugt, mithalten zu können.»

Einst wurde der 25jährige Berg-Schweizer-Meister als Kletterspezialist gehandelt. «Ob ich das noch bin? Ich weiss es nicht. Dazu müsste ich auf einer Bergetappe meine eigene Chance nützen dürfen. Die Spitze liegt bestimmt ausser Reichweite, aber im Feld sollte es möglich sein, mitzuhalten.» Die Crux: Patrick Schelling fehlen die Vergleiche und er fällt nicht durch irgendwelche Husarenritte auf. «Dies macht es schwieriger, ein Team zu finden», ist er sich bewusst. Auf dem Markt sind zudem namhaftere Fahrer, die auf der Wunschkandidatenliste vor dem Stellensuchenden stehen.

Umhören und hoffen

Aktuell liegt Patrick Schelling kein konkretes Angebot vor. Noch bleiben allerdings vier Monate Zeit, sich umzuhören. «Aber es ist schon schwierig, an die Verantwortlichen heranzukommen. Es gibt Insider», so der Universiade-Zweite und European-Games-Starter, «die mich unterstützen, doch bisher gibt es keine positiven Rückmeldungen. Vielleicht brauchen einzelne Sportgruppen später, wenn sie die Leader und das Gerippe zusammenhaben, Fahrer, um ihr Kader mit Helfern aufzufüllen. Dann könnte sich eine Chance ergeben.»

Freude am Radsport, betont Patrick Schelling, habe er weiterhin. Sich vorzeitig aus der Szene abmelden, ohne zu wissen, was möglich gewesen wäre, möchte er, wie jeder Sportler, nicht. Was aber, wenn sich keines der derzeit 17 UCI-World-Tour-Teams, oberste Liga, finden lässt? «Ich würde auch ein entsprechendes Angebot eines Pro-Continental-Teams annehmen», zeigt sich der momentane Trainingsweltmeister offen für Lösungen auf der zweiten Stufe. Dort sind aktuell 20 Spitzenteams angesiedelt. In den ersten Jahren hatte auch IAM diesen Status. Hochgerechnet werden rund 1000 Profis «gebraucht».

Möglicherweise käme die flachere Athletenhierarchie – weniger Leader – Patrick Schelling in einer Pro-Equipe entgegen. Mit dem «Knopf im Ohr» können die vom Sportlichen Leiter per Funk geführten Wasserträger schon mal den Renninstinkt verlieren, wenn sie nur Anweisungen ausführen müssen. Oder sie sind zu anständig, um die eigene Position ohne Rücksicht auf Verluste durchzusetzen. Was eigentlich kein Nachteil sein sollte.