Tapferkeit 2

«Wer den Rappen nicht ehrt, ist den Franken nicht wert», lautet eines der spiessigsten und kleinherzigsten Sprichwörter unseres Sprachkreises.

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«Wer den Rappen nicht ehrt, ist den Franken nicht wert», lautet eines der spiessigsten und kleinherzigsten Sprichwörter unseres Sprachkreises. Den Rappen ehren – wie muss man sich das vorstellen? Sollen wir dazu niederknien, ausgerichtet gegen die Zürcher- oder noch besser gegen die New Yorker Börse, uns verneigen, Asche auf unser Haupt streuen, bereuen unsern Frevel gegen das Kapital, uns kasteien mit Ruten? Und während endloser Minuten murmeln: «Rappen, Rappen, Rappen, Rappen – Ehre sei Dir in der Höh'!»

Und wer inbrünstig, an der Grenze zur Ekstase dann den Rappen geehrt hat bis zum Gehtnichtmehr: Der ist es wert, dass ein Franken ihm in den Schoss fällt?

Und wer zu wenig innig gebettelt und gefleht, zu wenig zum kleinen Rappen hochgeschaut hat? Ja, der hat den Franken nicht verdient. Und ist selber Schuld. Zu oberflächlich war sein Glaube an den SMI und an die eigene Rendite; zu beliebig seine Beziehung zu Hedge Fonds und zum Gold.

Tapferkeit 3

Tapfer sind die Deutschen. Einst gab es auch bei ihnen das Sprichwort «Wer den Pfennig nicht ehrt, ist die Mark nicht wert.» Und? Mit der Einführung des Euro verschwand der miefige Reim. Futsch! Weg! Sind sie nun deswegen weniger spiessig und weniger kleinherzig als wir Schweizerinnen und Schweizer? – Nein!

Tapfer sind die Deutschen.

Weil sie merken mussten, dass allein der Untergang eines Sprichworts, einer Formel, eines klitzekleinen Gebetleins noch keine Heilung bringt.

Guido Berlinger-Bolt

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