Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

TANZGESCHICHTE: Das verrückte erste Jahr

Rut Ackermann war 1965 die erste und zunächst einzige Absolventin der Sigurd Leeder School of Dance in Herisau. Bis hin zum Geruch aus der Dusche ist ihr diese Zeit noch sinnlich präsent. Der Tänzer und Choreograf Leeder prägte sie nachhaltig.
Bettina Kugler
In der Ausstellung in Appenzell sieht sich Rut Ackermann als 17-Jährige – und ihren Lehrer in grösseren Zusammenhängen. (Bild: Urs Bucher)

In der Ausstellung in Appenzell sieht sich Rut Ackermann als 17-Jährige – und ihren Lehrer in grösseren Zusammenhängen. (Bild: Urs Bucher)

Bettina Kugler

bettina.kugler

@tagblatt.ch

Wie Erdmännchen recken sie hinter ihr die Köpfe, auf dünne Stahlrohre gesteckt: die Tanzmasken aus Sigurd Leeders legendärer «Danse macabre»-Choreografie. In der Ausstellung zum Werk und Nachlass des charismatischen Tanzpädagogen, zunächst im Zürcher Museum für Gestaltung, derzeit in der Kunsthalle Ziegelhütte Appenzell zu sehen, dürfen sie neben zahlreichen Fotodokumenten und Filmen nicht fehlen. Sinnlich stellen sie vor Augen, welches Erbe der 1981 verstorbene, international gefeierte Tänzer und Choreograf den Studierenden an der Sigurd Leeder School of Dance in Heris­au mitgegeben hat. Sinnlicher jedenfalls als die nur Eingeweihten zugängliche «Laban-Notation», eine Verschriftung von Tanzbewegungen, entwickelt von Rudolf von Laban.

Der Duft von Nescafé beim Techniktraining

Rut Ackermann, erste Absolventin der Tanzausbildung in Herisau, später Gründerin der Tanz- und Ballettschule Dance Loft in Rorschach, hat Leeders «Danse macabre» nie mitgetanzt, dafür «Bolero». Wir schauen uns gemeinsam die Bilder an, die Programmzettel von damals. «Ich war nie eine gute Gruppentänzerin», sagt sie und lacht. «Ich war zu gross – und immer diejenige, die aus der Reihe tanzte.»

Kein Wunder: Sie hatte darin wenig Übung. 1965, als Sechzehnjährige, war sie die erste und zunächst einzige Absolventin der Ausbildung in modernem Tanz, die Sigurd Leeder an der neugegründeten Schule in Herisau anbot. Grete Müller, vermögende Fabrikantentochter, hatte den Tänzer in die Schweiz geholt. Fünf Jahre hatte sie in London bei Leeder studiert, bevor er nach Südamerika weiterzog. Grete Müller bewunderte den Meister über alle Massen und verwaltete sein Werk nach dessen Tod. 2010 ging der Nachlass an das Schweizer Tanzarchiv. 2002 hatte Grete Müller die umfangreiche Dokumentation «Sigurd Leeder – Leben und Werk» veröffentlicht.

Rut Ackermann las sie und fühlte sich sofort zurückversetzt in die 1960er-Jahre. «Grete Müllers Buch ist ein gewaltiges, ungemein materialreiches Werk», sagt sie, «und trotzdem fehlte mir etwas.» Es waren die eigenen Erinnerungen an das Herisauer Pionierjahr. An den Duft nach Nescafé beim morgendlichen Techniktraining. An das Schlurfen von Grete Müllers Tanzschläppli, wenn sie für Leeder das Tamburin holte. An den unwirschen Umgangston, den der ansonsten so freundliche Mann gegenüber «Fräulein Müller» anschlug. An den Geruch des Plastikvorhangs im kleinen Dusch- und WC-Raum, das eiskalte Wasser.

Erinnerungen, tänzerisch schwungvoll erzählt

Es drängte sie, das alles aufzuschreiben, vorerst nur für sich selbst. «Ich schreibe gern, auch Tagebuch», erzählt Rut Ackermann. «Es ging auch schnell, rutschte nur so aus mir heraus.» Irgendwann zeigte sie ihre Aufzeichnungen der Tänzerin und einstigen Weggefährtin Evelyn Rigotti. «Wir haben uns totgelacht.» Dann erinnerten sie sich gemeinsam ausgiebig an das Jahr 1965. Nun ist ein schmales Buch daraus geworden, erschienen im Appenzeller Verlag. Der Titel «Nescafé und Königsberger Klopse» spannt den Bogen vom Duft des Trainingsalltag zum Festessen anlässlich ihres bestandenen Jahresexamens.

Sehr tänzerisch erzählt Rut Ackermann in diesem Text; nicht linear und aufzählend, sondern in Sprüngen und Drehungen. Die Bilder zeigen sie beim Aufwärmen mit Leeders Partner Washington, an der Stange vor dem einzigen Spiegel im Ballettsaal. Auch Evelyn Rigotti und Grete Müller sind zu sehen – immer im schwarzen Tricot.

Zu Tisch bei Leeder, dem väterlichen Lehrer

Vom Meister selbst gibt es im Buch ein einziges Foto: ein älterer Herr im Anzug, keck lachend, die Schuhe auf Hochglanz poliert. Herisau war für ihn der perfekte Ort für seine späten Jahre, in ruhiger Umgebung und guter Luft. Wie hat Rut Ackermann ihn in Erinnerung? «Er hatte Humor und eine treffsichere, präzise Sprache. Er war ausgeglichen und unterstützend, sehr väterlich.»

Den Umgang mit der noch jugendlichen Schülerin aus Arbon, die über den Umweg der Ballettschule am Opernhaus Genf zum Ausdruckstanz gefunden hatte, genoss er. Was sie bei ihm gelernt hat, war zum einen das tänzerische Rüstzeug. Noch vierzig Jahre später schöpft sie aus dieser Quelle. Sein Unterricht, sagt sie, sei Grundlage dafür gewesen, einen immensen Reichtum an Bewegungen zu kreieren. Zum anderen habe Leeder seine Schüler bestärkt, zu künstlerischer Freiheit zu finden. «Ich säe ja nur diesen Garten, was ihr draus macht, ist eure Sache»: Dieser Satz hat Rut Ackermann nie losgelassen. Und frei gemacht.

Ruth Ackermann: Nescafé und Königsberger Klopse. Mein erstes Jahr an der Sigurd Leeder School of Dance in Herisau. Appenzeller Verlag, Fr. 17.– Ausstellung «Sigurd Leeder. Spuren des Tanzes» bis 8. April, Ziegelhütte Appenzell

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.