Tal mit lieblich runden Formen

Naturschutzverein Ebnat-Kappel und Nesslau

Andreas Weber
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Die Schweizer Goldschrecke kommt nur am Chäserrugg, am Gamserrugg sowie am Alvier vor. (Bild: PD)

Die Schweizer Goldschrecke kommt nur am Chäserrugg, am Gamserrugg sowie am Alvier vor. (Bild: PD)

«Original Toggenburg» – mit diesem geheimnisvollen Titel hielt der Biologe und Naturfotograf René Güttinger einen spannenden Vortrag im Pfarreisaal von Neu St. Johann, organisiert durch den Naturschutzverein Ebnat-Kappel und Nesslau. Für seine hervorragenden Bilder und seine pointierten Beschreibungen ist René Güttinger bekannt, und die rund 50 Zuhörer und Zuschauer wurden wahrlich nicht enttäuscht!

Zum Inhalt seines Bildervortrags meinte Güttinger: «Original hat mit Einzigartigkeit, aber auch mit originell zu tun.» Einerseits zeigte er uns die grosse Vielfalt an Pflanzen und Tieren im oberen Toggenburg, anderseits pickte er aus diesem Angebot einzelne Rosinen heraus, über die wir einfach nur staunen können. Da begann der Referent mit dem Chäserrugg-Haifisch, der vor 90 Millionen Jahren lebte und heute als Fossil teilweise noch seine Spuren hinterlässt, oder der Eiszeitgletscher, der unserem Tal so lieblich runde Formen verpasste. Steht man über einem herbst­lichen Nebelmeer, kann man sich die Eiszeitgletscher besonders gut vorstellen. Mit circa 900 Pflanzenarten gehört unsere Region zu den Spitzenreitern in der Schweiz. Davon gibt es eben «Originale», die einzig hier vorkommen, wie zum Beispiel der Ungarische Enzian oder die Kleine Teichrose, von der nur vier weitere Standorte in der Schweiz bekannt sind.

Auch die Toggenburger Tierwelt kann Einzigartigkeiten verzeichnen: Die Schweizer Goldschrecke, eine Heuschreckenart, die es gerne kalt hat und sehr gut getarnt – und dies weltweit einzigartig – nur auf dem Chäserrugg und Gamserrugg sowie am Alvier vorkommt. Etwas tiefer, nämlich in den Flachmooren beim Schwendisee, lebt das Grosse Wiesenvögelchen. Nein, keine Vogelart, sondern eine äusserst seltene Schmetterlingsart, deren Raupe auf das Wollgras angewiesen ist, und die in der Schweiz paktisch nur noch in den Mooren des Obertoggenburgs vorkommt.

Original sind auch die Toggenburger Ziege, die typische Streusiedlung und das traditionelle und farbenfrohe Sennentum. Damit hat René Güttinger den Bogen zur Landwirtschaft gespannt. Diese stehe unter einem grossen wirtschaftlichen und öffentlichen Druck. Es ist eine enorme Herausforderung für Landwirtschaft und Gesellschaft, einerseits ökologisch wertvolle Lebensräume und eine charakterstarke Landschaft zu erhalten, anderseits ­jedoch mit immer grösserem Renditedruck möglichst viel zu erwirtschaften, um eine betriebliche Existenz zu garantieren. Wenn diese Herausforderung nicht gemeistert werden könne, laufe auch das Toggenburg Gefahr, dass die Landschaft und das bäuerliche Brauchtum seine Authentizität verliere und zur Folklore abgewertet werden könnte. Einmal vollzogen, wäre ein solcher Prozess wohl nicht mehr rückgängig zu machen.

Andreas Weber