Taeubers künstlerische Heimat

Sophie Taeuber-Arp ist die Schweizer Pionierin konstruktiver und abstrakter Kunst. Doch allzu oft geht vergessen, dass sie in Appenzell Ausserrhoden aufwuchs. Dabei gelten die Trogner Kindheit und Jugendjahre als prägendste Phase im Leben der Künstlerin.

Julia Nehmiz
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Sophie Taeuber-Arp, König Hirsch: Deramo, 1918; Holz, Metall, Brokat (Bild: pd/Aargauer Kunsthaus/Zürcher Hochschule der Künste (Marlen Perez))

Sophie Taeuber-Arp, König Hirsch: Deramo, 1918; Holz, Metall, Brokat (Bild: pd/Aargauer Kunsthaus/Zürcher Hochschule der Künste (Marlen Perez))

TROGEN. Viele Spuren hat sie nicht hinterlassen in Trogen. Heute erinnert fast nichts mehr in dem Dorf ihrer Kindheit und Jugend an die Schweizer Pionierin der konstruktiven und abstrakten Kunst – Sophie Taeuber-Arp. Dabei war die Trogner Zeit eine der prägendsten in ihrem Leben.

«Bis heute haben leider zu wenige Leute Kenntnis davon, wie wichtig die Ausserrhoder Jahre für Sophie Taeuber-Arps Leben und Wirken als Künstlerin waren», sagt Heidi Eisenhut. Die Leiterin der Ausserrhoder Kantonsbibliothek ist «ein absoluter Fan von Sophie Taeuber-Arp» und bedauert, dass nur wenige Materialien über sie im Magazin lagern. Gut 30 Negative von Fotos, die Mutter Taeuber von ihren Kindern gemacht hat, eine Broschüre unter der Erwähnung der «Villa Taeuber», die der Zellweger'schen Kinderkuranstalt angegliedert war, zwei Ausgaben von Sophie Taeubers Zeitschrift «Plastique» und eine Schachtel aus dem Nachlass von Elisabeth Pletscher, die früh die Bedeutung der Künstlerin erfasst hatte. Trotzdem kommen oft Kunstinteressierte nach Trogen auf Spurensuche. «Man kann viel über die damalige Zeit und Atmosphäre erfahren, in der Sophie Taeuber-Arp aufgewachsen ist», sagt Heidi Eisenhut.

Der Anfang ist vage. «Wir haben keine eindeutigen Quellen, die besagen, wann genau Mutter Taeuber-Krüsi mit ihren Kindern nach Trogen gekommen ist», sagt Eisenhut. Bislang ging man davon aus, dass die Familie 1894 nach Trogen zog. Neuesten Forschungen zufolge könnte das aber auch 1895 gewesen sein: In diesem Jahr wird die Familie im «Einwohner-Etat» Trogens aufgeführt.

Villa für geschwächte Töchter

Geboren ist Sophie Taeuber-Arp 1889 in Davos, als jüngstes Kind von Emil und Sophie Taeuber-Krüsi. Nach dem frühen Tod des Vaters, eines Apothekers aus Westpreussen, zieht die Mutter mit den vier Kindern nach Trogen. Klein-Sophie ist wohl sechs Jahre alt, als sie ins Appenzellerland kommt. Mutter Taeuber-Krüsi stammt aus Heiden, ihre Schwester Mathilde lebt verheiratet in Trogen. In Trogen lässt die alleinerziehende Mutter die «Villa Taeuber» erbauen, das Jugendstilhaus steht noch heute an der Strasse Richtung Altstätten. Tante Mathilde, verheiratet mit einem Trogner Zellweger, führt mit ihrem Mann eine «Kinderkuranstalt für die besseren Stände». Die «Villa Taeuber» beherbergt ebenfalls «geschwächte Töchter» und wird auch als Unterkunft für Pensionäre der Kantonsschule aktenkundig.

Sophie und ihre Geschwister gehen in Tante Mathildes Haus ein und aus, die Kurkinder werden nicht nur mit Aktivitäten an der frischen Luft kuriert, sondern auch mit Handarbeiten und Theateraufführungen beschäftigt. Sophie wächst in einem künstlerisch-bereichernden und inspirierenden Umfeld auf, ständig hat sie verschiedene Leute aus fast aller Welt um sich. «Das zieht sich wie ein roter Faden durch ihr ganzes Leben», sagt Heidi Eisenhut, «Sophie Taeuber-Arp war später immer der Mittelpunkt von Künstlergemeinschaften, sie war quasi die gute Seele und häufig die Gastgeberin.» Sie fühlte sich wohl, umringt von vielen inspirierenden Personen.

Schulkameraden im Webkeller

Auch die textile Vergangenheit Trogens hat ihre Spuren hinterlassen in Sophie Taeuber-Arps Schaffen, wie der Trogner Künstler H. R. Fricker in einer Publikation von 1995 festhält. Unter ihren Schulkameraden waren wohl auch Kinder von Webern oder Stickern, die nach dem Unterricht im heimischen Webkeller oder Sticklokal mitarbeiten mussten. Sophie hat sicher die Atmosphäre der textilen Heimindustrie direkt verfolgen können, sich vielleicht die Nase plattgedrückt am Fenster eines Webkellers, wie Elisabeth Pletscher mutmasste. In Appenzell Ausserrhoden waren um 1900 von den 8150 Schülern unter 14 Jahren über 70 Prozent in der textilen Heimindustrie beschäftigt. Das Klappern der Webstühle, das Rattern der Stickmaschinen waren Alltagsgeräusche in den Dörfern.

Sophie wächst im Gegensatz zu den Trogner Heimindustrie-Kindern wohlbehütet und umsorgt in einer recht wohlhabenden Verwandtschaft auf. Mutter Taeuber-Krüsi legt Wert auf gute Bildung. Urgrossvater Hermann Krüsi war enger Mitarbeiter von Heinrich Pestalozzi, Vorsteher der Kantonsschule in Trogen und Seminargründer in Gais, dem Bürgerort von Sophie Taeuber. Eine gute, allumfassende Bildung gibt Mutter Taeuber-Krüsi an ihre Kinder weiter mit Förderung, Musikunterricht und Handarbeiten. Fotos zeigen Sophie in Verkleidung für eine der vielen Scharaden und Theaterstücke, die aufgeführt wurden; auf einem anderen Bild sitzt sie am Stickrahmen.

1904 wird Sophie von ihrer Mutter an der privaten «Stauffacher-Schule St. Gallen» angemeldet, die 15-Jährige erhält dort eine dreijährige Ausbildung im Zeichnen und Entwerfen textiler Ornamente und Dessins. Das «Zeichnen nach der Natur» steht im Vordergrund. Anschliessend lässt sich Sophie an der St. Galler «Zeichnungsschule für Industrie und Gewerbe» zwei weitere Jahre ausbilden. In dieser Zeit wohnt sie weiterhin im Trogner Zuhause. Als 1908 die Mutter stirbt, wird Tante Mathilde Zellweger zur wichtigsten Bezugsperson.

«Die Ausbildungen an diesen Schulen haben Sophie Taeuber-Arp auf jeden Fall geprägt und für einen Beruf in der Textilindustrie vorbereitet», sagt Heidi Eisenhut. «Aber die begabte junge Frau zieht es weiter, nach München und Hamburg – und sie beginnt die Grenzräume zwischen Kunst und Kunsthandwerk zu besetzen, verspieltes Blattwerk zu reduzieren, mit Materialien zu experimentieren und so zu ihrer Linie zu finden», ergänzt Eisenhut. Sophie Taeuber lernt Hans Arp kennen und bewegt sich fortan in avantgardistischen Literatur- und Kunstkreisen spartenübergreifend als Designerin, Malerin, Textilhandwerkerin, Zeichnerin, Plastikerin, Architektin, Tänzerin und Szenographin.

Nicht mehr auf der 50er-Note

Das künstlerische Schaffen Sophie Taeuber-Arps wird ab heute in einer grossen Ausstellung im Aargauer Kunsthaus gezeigt. Zugleich wird «Sophie Taeuber-Arp – Heute ist Morgen» veröffentlicht, «das am besten recherchierte Buch über die Künstlerin», wie Heidi Eisenhut sagt. Doch im Trogner Dorfalltag spielt die berühmte Künstlerin keine grosse Rolle. Und auch aus unserem Alltag wird wohl ein Stück von ihr verschwinden – die Nationalbank hat auf Anfang 2015 eine Neugestaltung der Banknoten angekündigt. Auf den Siegerentwürfen der neuen Geldscheine ist Sophie Taeuber-Arp, die heute die 50er-Noten ziert, nicht mehr zu sehen. «Grund für uns, ihre Geschichte wieder und wieder zu erzählen», sagt Eisenhut.

Das bewegt auch die neuen Besitzer des Trogner Sophie- Taeuber-Arp-Hauses. Das Haus hat Glück gehabt, in die guten Hände der Basler Kunsthistorikerin Jolanda Bucher zu fallen, die sich für Taeuber-Arp interessiert – und das Haus sanft restauriert, damit die Spuren der Künstlerin erhalten bleiben.

Ausstellung Sophie Taeuber-Arp «Heute ist Morgen», bis 16.11. im Aargauer Kunsthaus, Aarau. www.aargauerkunsthaus.ch

Sophie Taeuber-Arp: Porträt mit Dada-Kopf, 1920; Collage, Vintage-Druck (Bild: pd/Aargauer Kunsthaus/Galerie Berinson, Berlin)

Sophie Taeuber-Arp: Porträt mit Dada-Kopf, 1920; Collage, Vintage-Druck (Bild: pd/Aargauer Kunsthaus/Galerie Berinson, Berlin)

Sophie Taeuber-Arp: Formes élémentaires. 1917. Stickerei, Wolle (Bild: pd/Aargauer Kunsthaus/Stiftung Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp e.V./Wolfgang Morell)

Sophie Taeuber-Arp: Formes élémentaires. 1917. Stickerei, Wolle (Bild: pd/Aargauer Kunsthaus/Stiftung Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp e.V./Wolfgang Morell)

Die «Villa Taeuber» in Trogen, Heimat von Sophie Taeuber-Arp bis 1908. (Bild: Kantonsbibliothek AR/Leonhard Schlegel)

Die «Villa Taeuber» in Trogen, Heimat von Sophie Taeuber-Arp bis 1908. (Bild: Kantonsbibliothek AR/Leonhard Schlegel)

Zellweger- und Taeuber-Kinder mit Gspänli verkleidet (zwischen 1900-06). (Bild: Kantonsbibliothek AR/Leonhard Schlegel)

Zellweger- und Taeuber-Kinder mit Gspänli verkleidet (zwischen 1900-06). (Bild: Kantonsbibliothek AR/Leonhard Schlegel)

Sophie Taeuber in ihrem «Jungmädchenzimmer» in Trogen (1900–06). (Bild: Kantonsbibliothek AR/Leonhard Schlegel)

Sophie Taeuber in ihrem «Jungmädchenzimmer» in Trogen (1900–06). (Bild: Kantonsbibliothek AR/Leonhard Schlegel)