Tabu Schreib- und Leseschwäche

TOGGENBURG. Was für viele selbstverständlich ist, bringt andere in ärgste Bedrängnis: Richtig lesen und schreiben. Illettrismus-Betroffene schämen sich ihrer Schwäche und versuchen ihr Handicap wenn immer möglich zu verheimlichen. Am BWZT gibt es Lese- und Schreibkurse für Erwachsene.

Urs M. Hemm
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Rund 16 Prozent der 16- bis 65-Jährigen in der Schweiz haben mit grossen Problemen beim Schreiben und Lesen zu kämpfen. Und der Anteil sogenannter Illettristen steigt in der Schweiz. (Bild: Reto Martin)

Rund 16 Prozent der 16- bis 65-Jährigen in der Schweiz haben mit grossen Problemen beim Schreiben und Lesen zu kämpfen. Und der Anteil sogenannter Illettristen steigt in der Schweiz. (Bild: Reto Martin)

Eine E-Mail schreiben, dem Arbeitskollegen eine Notiz hinterlassen, Formulare ausfüllen, ein spannendes Buch lesen oder einen Vertrag überprüfen. Für die meisten erwachsenen Menschen in der Schweiz sind das alltägliche Dinge, die ohne grosse Schwierigkeiten erledigt werden können. Es gibt jedoch Personen, die bereits beim Schreiben und Lesen von einfachen Wörtern grosse Mühe haben, obwohl sie es in der Schule gelernt haben sollten – sie sind so genannte Illettristen. Gemäss einer OECD-Studie aus dem Jahr 2005 leben in der Schweiz rund 800 000 Personen mit Illettrismus und jährlich kommen etwa 4000 bis 5000 junge erwachsene Schweizer mit Schulabschluss dazu. Es sei ein durch die ganze Gesellschaft weitverbreitetes Problem, das jedoch immer noch tabuisiert werde, sagt Mariangela Pretto vom Schweizerischen Dachverband für Lesen und Schreiben. Gerade aber für junge Menschen könne Illettrismus ein Handicap bei der Jobsuche sein.

Bisher nicht aufgefallen

Sie hätten das Thema Illettrismus auch schon untereinander diskutiert, es aber nicht als schwerwiegendes Problem betrachtet, sagt Ruedi Bannwart, Präsident der Arbeitgebervereinigung Region Toggenburg. «Mir ist kein Fall bekannt, dass jemand wirklich derart grosse Mühe mit Lesen und Schreiben gehabt hat, dass es die Arbeit negativ beeinflusst hätte.» Vom möglichen Einfluss auf die Arbeit her sei es vermutlich ähnlich wie für jemanden, der kein oder nur wenig Deutsch spricht. Wenn jedoch jemand wirklich Illettrist wäre, würden es wohl ohnehin die wenigsten bemerken, da Betroffene ihre Schwäche meist gut zu vertuschen verstehen, vermutet er.

Ähnliche Erfahrungen macht Jürg Fischer, Leiter des RAV in Wattwil. «Alleine aus einem Gespräch lässt sich Illettrismus nicht feststellen. Wenn es aber um das Verfassen eines Bewerbungsschreibens geht, können wir schon Unterschiede sehen», erläutert Jürg Fischer. In solchen Fällen biete das RAV im Bewerbungsbüro Unterstützung an. Gezielte Lese- und Schreibkurse für Erwachsene jedoch sind seines Wissens nicht im Angebot.

Erwachsenenkurse am BWZT

Das bestätigt Maja Pagelli, Verantwortliche für die Ausschreibung von Kursen beim Amt für Wirtschaft und Arbeit des Kantons St. Gallen. «Wir haben jedoch die Problematik erkannt und prüfen, ob diesbezüglich Handlungsbedarf besteht. Konkretes aber ist nicht geplant, zumal Lese- und Schreibkurse für Erwachsene an verschiedenen Schulen bereits im Angebot sind», begründet Maja Pagelli.

In der Region Toggenburg ist es das Berufs- und Weiterbildungszentrum BWZT in Wattwil, das gezielt Kurse für Illettristen anbietet. «Wir führen zurzeit zwei Kurse – einen für Einsteiger, der von sieben Personen, und einen Kurs für Fortgeschrittene, der von acht Personen belegt wird» sagt Ramona Forchini vom Bereich Weiterbildung beim BWZT.

Verschiedene Faktoren möglich

Die Ursachen für Illettrismus sind vielfältig. So kann beispielsweise eine längere Absenz während der Schulzeit wegen Krankheit eine schwer zu füllende Lücke hinterlassen haben oder Legasthenie der Grund für Illettrismus sein. Denkbar sind aber auch Konzentrationsschwierigkeiten, Entwicklungsdefizite oder ein schwieriger familiärer Hintergrund.