Symbolträchtige Landsgemeinde

Das Seitengewehr, das Landessigill, die Zeremonialschwerter oder der Hut: Nur einige Symbole rund um die Landsgemeinde in Appenzell. Doch was hat es mit ihnen genau auf sich?

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Einige Symbole der Landsgemeinde: (v. l. im Uhrzeigersinn) Das Seitengewehr als Stimmrechtsausweis, das Landessigill, der Mantel und der Hut. (Bilder: Martina Basista)

Einige Symbole der Landsgemeinde: (v. l. im Uhrzeigersinn) Das Seitengewehr als Stimmrechtsausweis, das Landessigill, der Mantel und der Hut. (Bilder: Martina Basista)

Appenzell. Morgen ist in Appenzell Landsgemeinde. Es ist der Tag der Traditionen, des Brauchtums, aber auch der Symbole. Eine Übersicht über die Bedeutung der wichtigsten Symbole rund um die Landsgemeinde.

Der Aufzug

Das Zeremoniell der Landsgemeinde setzt mit dem Aufzug der Behörden vom Rathaus zum Landsgemeindeplatz ein, dies bereits seit dem 16. Jahrhundert. Wobei vermutet wird, dass im 19. Jahrhundert zeitweise ein Unterbruch stattgefunden haben muss. Der Aufzug ist aber seit 1868 wieder belegt und seit 1938 ist es auch der Gang zurück zum Rathaus.

Seit 1868 wird der Festzug durch die Musikgesellschaft Harmonie Appenzell begleitet, die spätestens seit 1928 die «Marcia solenne» des Komponisten Puzzi als offiziellen Landsgemeindemarsch spielt. Dieser Paradeschritt hat es in sich, so dass Gäste und neue Amtsträger bei ihrer ersten Landsgemeinde wohl alle ein paar Übungsstunden in den Schritt investiert haben. Es ist dabei der Landweibel, der den Marsch anführt. Ihm folgen die Regierung und das Gericht.

Die Eröffnung und die Rede des Landammanns

Ist der Stuhl durch die Regierung und die Amtsleute besetzt, läutet der Messmer die Glocken. Dieser Brauch geht auf einen Ratsbeschluss aus dem Jahr 1598 zurück. Die Glocken mahnen zur Ruhe und weisen auf die «Hegung» hin. Das bedeutet, dass nun jedermann weiss, dass Störung von Ruhe und Ordnung schärfer als sonst bestraft würden.

Danach eröffnet der Landammann die Landsgemeinde. Der erste Teil seiner Rede wird dabei in Schriftsprache abgehalten, um die offiziellen Gäste, die seit 1956 regelmässig eingeladen werden, zu begrüssen. Anschliessend wechselt er auf Dialekt, weil er nun die Einheimischen anspricht. In seiner Rede nimmt der Landammann Bezug auf politische Fragen und behandelt oft die Beziehung zwischen Bund und Kanton.

Die Anrede

Der Landammann wird bei einer Rede immer zuerst angesprochen, gleichgültig, wer sonst an der Landsgemeinde anwesend ist. Selbst der Papst höchstpersönlich würde sich in der Anrede erst nach dem Landammann finden.

Die Linde

Die Linde gilt als zentraler Bestandteil des Landsgemeindeplatzes. Für die alten Germanen war sie der Sitz der Götter und galt als beseelt. Zudem zeigen Chroniken wie jene des Luzerners Diebold Schilling, dass unter Linden oftmals das Gericht tagte.

Erstmals erwähnt wird die Linde auf dem Landsgemeindeplatz in Appenzell im 15. Jahrhundert, weil dort an Sonntagen zu Trommel und Pfeife getanzt wurde. Am Nachmittag des 18. Juli 1852 stürzte die gemäss Chroniken über 300 Jahre alte Linde um. Ob der Baum bereits vor 1552 gepflanzt worden war, kann jedoch wegen fehlender Belegstellen nicht bewiesen werden. Nach dem Sturm pflanzte der bayerische Förster Thaddäus Seif eine neue Linde, die bis 1990 auf dem Landsgemeindeplatz stand. Dieser bekam die Teerung des Landsgemeindeplatzes im Jahr 1961 nicht gut, so dass sie trotz mehrerer Rettungsversuche am 12. November 1990 gefällt werden musste.

Bereits am 21. November des selben Jahres wurde die Nachfolgerin gepflanzt.

Das Landessigill

Das Landessigill (Siegel) darf nur derjenige führen, der dazu die Kompetenz und die nötige Macht besitzt. Daher auch das Prozedere während der Landsgemeinde: Der regierende Landammann zeigt das Siegel dem Volk und versichert, es nur nach Recht und Gewissen verwendet zu haben. Danach legt er es auf das Geländer des Landsgemeindestuhls und wartet auf die Wiederwahl. Kommt diese zustande, erhält er das Siegel zurück.

Die beiden heute noch rechtsgültigen Siegel sind mit einer Kette verbunden. Sie stammen aus den Jahren 1518 und 1530, als das Land Appenzell noch ungeteilt war. Das Landessigill wird zwischen zwei Landsgemeinden im Tresor des Innerrhoder Landesarchivs aufbewahrt.

Die Zeremonial- schwerter

Die beiden Schwerter, die am Landsgemeindestuhl hängen, symbolisieren Macht und Hoheit des Staatswesens. Die Klingen stammen aus dem 16., die Griffe aus dem 18. Jahrhundert. Es ist anzunehmen, dass mit den beiden Schwertern die sechs inneren und die sechs äusseren Rhoden und damit ihre separate Hoheit an den gemeinsamen Landsgemeinden vorgezeigt werden sollten.

Das Seitengewehr

Als einziger Stimmrechtsausweis galt früher das Seitengewehr. Dies wurde an der Landsgemeinde vom 27. April 1879 entschieden. Das Seitengewehr steht quasi als Oberbegriff des Stimmrechtsausweises. Denn wahlweise war auch der Degen, der Säbel oder gar ein Bajonett für Männer zulässig.

Die Waffe war das Zeichen des waffenfähigen und in Ehren stehenden Mannes; dies musste er sein, um an der Abstimmung teilnehmen zu dürfen. Mit dem Degen in der Hand weist er sich sichtbar als solcher aus. Seit 1991, der ersten Landsgemeinde mit Stimmrechtsbeteiligung von Frauen, gilt die Stimmkarte für beide Geschlechter als Stimmrechtsausweis, für die Männer jedoch nach wie vor wahlweise auch der Degen.

Der Mantel

Die schwarzen Mäntel werden beim Marsch in den Ring von den Behördenmitgliedern getragen. Die Kleidung entspricht der Mode des frühen 19. Jahrhunderts. Die Mäntel wurden bereits früher getragen und sind Zeichen des in Ehren und Rechten stehenden Mannes. Daher haben Amtsleute einen Mantel zu tragen. Während eines richterlichen Verfahrens müssen sie ihn jedoch ausziehen, damit ihre Offenheit deutlich wird.

Der schwarze Mantel wird auch «Radmantel» genannt, da er sich vorne schliessen lässt wie ein Rad. Er wurde nicht nur der Ästhetik wegen getragen, sondern auch, damit nicht sichtbar war, welche Kleidung darunter getragen wurde und ob die Person nun zur Ober- oder Unterschicht gehörte. Besondere Aufmerksamkeit zog bereits im 18. und 19. Jahrhundert der Mantel des Landweibels in den Farben von Appenzell Innerrhoden auf sich. So schrieb Redaktor Johann Baptist Rusch damals: «Das Volk sieht im Landweibel mehr als nur einen Amtsläufer und Rathauswärter. Mit Mantel, Zweispitz und Degen, in den schwarz-weissen Farben des Landes, Träger des Landesszepters gerade am Tag der Landsgemeinde, ist er ein Symbol des Standes.» Auch der Landweibel trug den Mantel nicht zu allen Amtshandlungen. Während Rats- und Gerichtssitzungen genügte der Gerichtsrock oder der sogenannte alte Frack.

Der Hut

Dieser ist nicht nur ein Kleidungsstück, sondern war auch ein Rechtssymbol mit verschiedenen Bedeutungen. Auch in Appenzell tragen die Amtsträger einen Hut. Im Ring sind sie anhand ihrer schwarzen Mäntel und dem Zweispitzhut, der auch Schiffshut genannt wird, zu erkennen. Der regierende und der stillstehende Landammann tragen derweil einen Zylinder. Die Mitglieder der Standeskommission und des Kantonsgerichts tragen vor und während der Landsgemeinde keinen Hut. Sie setzen ihn erst beim Abzug vom Landsgemeindeplatz wieder auf – ein Zeichen, dass sie wiedergewählt wurden und damit in Amt und Würden stehen. Der Hut ist damit also ein Bestandteil der Amtstracht.

Das Szepter

Das Szepter wird vom Landesweibel beim Aufzug zur Landsgemeinde und bei der Rückkehr zum Rathaus getragen, nicht aber bei der Prozession an Fronleichnam und an der Gedenkwallfahrt zum Stoss, weil er dann zusammen mit den Geistlichen und der Regierung mitbetet und mit dem Szepter keine freie rechte Hand hätte. Zudem lag der Stab im gerichtlichen Verfahren beim Richter. Der Stab als Amtszeichen fand auch Eingang ins Wappen von Rhode und Bezirk Gonten. Das Innerrhoder Szepter ist 97 Zentimeter lang und wurde 1633 von Jakob Brülisauer geschaffen. Der Schwarzdornstab besitzt eine Fassung aus silbernen Rohren mit Türkenbundzweigen. Das obere Ende schliesst eine Schwurhand, das untere eine Kugel ab.

Markus Fässler

Quellen: Die Informationen stammen aus dem Nachschlagewerk «Rechtsarchäologie und Rechtliche Volkskunde des eidgenössischen Standes Appenzell Innerrhoden» von Hermann Bischofberger und aus dem «Innerrhoder Geschichtsfreund», herausgegeben vom Historischen Verein Appenzell.