«Vielleicht sehen wir uns nie mehr»: Der Hilfeschrei vor dem Suizid – Innerrhoder Landammann ruft zur Aufmerksamkeit auf

Die am Dienstag angekündigte Suizidprävention in Appenzell Innerrhoden wurde von den Kirchen initiiert. Der Standespfarrer von Appenzell ist überzeugt, dass Reden die persönliche Last verringern kann. Der Landammann ruft dazu auf, indirekte Hilfeschreie zu erkennen.

Roger Fuchs
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Kein Problem muss in einem Suizid enden. Reden hilft weiter. (Bild: Urs Bucher)

Kein Problem muss in einem Suizid enden. Reden hilft weiter. (Bild: Urs Bucher)

Sowohl Lukas Hidber als katholischer Standespfarrer von Appenzell wie auch Landammann und Erziehungsdirektor Roland Inauen kennen persönliche Fälle von Suizid im Kanton. «Als wir bei der Schule anklopften, um die Thematik aufzugreifen, merkten wir schnell, dass dieses Thema die ganze Gesellschaft betrifft», so Hidber. Und so resultiert für dieses Jahr in Kooperation zwischen den Kirchen, der Schule sowie dem Gesundheits- und Erziehungsdepartement die Kampagne «Chomm, vezöll doch!». Suizidgefährdete Menschen sollen ermuntert werden, bei aufkommenden Suizidgedanken nicht allein zu bleiben.

«Wir reden heute grundsätzlich zu wenig über das, was einem beschäftigt», gibt sich Lukas Hidber überzeugt. Über ein Problem zu sprechen, ändere dieses noch nicht, könne aber die Last verringern. Allein schon die Gewissheit, ein Gegenüber zu haben, tue gut. Lukas Hidber sagt:

«Ich habe als Seelsorger ab und an Leute bei mir, die keine Antwort erwarten, aber einfach mal eine Sache loswerden wollen und bei mir auch wissen, dass ich es nicht an der nächsten Haustüre weitererzähle.»

Er will alle motivieren, Hilfe auch anzunehmen. Dies sei keine Schwäche, sondern eine Stärke.

Für Gefährdete stets eine schwierige Zeit ist gemäss Standespfarrer die Weihnachtszeit. Auf der einen Seite stünden der Glanz, die Liebe und die Geborgenheit in der Familie, die auch durch die Werbung präsentiert werden, auf der anderen Seite das reale Leben. Zu merken, dass man womöglich im tiefsten Sumpf stecke und das Glück nicht gerade auf seiner Seite stünde, könne sehr schwierig sein. Die Weihnachten 2018 sind gemäss Lukas Hidber allerdings ruhig verlaufen.

Alarmzeichen bei den Jugendlichen erkennen

Zur Gruppe der suizidgefährdeten Personen gehören stets auch die Jugendlichen. Zum Auftakt der Kampagne werden deshalb in der Real- und Sekundarschule mit allen dritten Klassen Workshops zum Thema durchgeführt. Auch einen spezifischen Elternabend wird es geben. «Das Leben der Jugendlichen ist geprägt von Entwicklungen, Herausforderungen, Krisen, Konflikten», so Erziehungsdirektor Roland Inauen. Wenn die Pubertät zusätzlich durch andere schwierige Lebenssituationen belastet würde, könne dies zu Suizidgedanken führen.

Um solches zu erkennen, müsse man sehr hellhörig sein und auch indirekte Aussagen aufschnappen. Inauen denkt dabei an Sätze wie «Vielleicht sehen wir uns nie mehr», «ich gehe bald fort», oder «ich will nur noch schlafen». Auch ein plötzliches Weglaufen eines Jugendlichen mit dem Ziel, gesucht zu werden, könne ein Alarmzeichen sein.

Am stärksten gefährdet sind gemäss Roland Inauen jene Jugendlichen, die alles in sich hineinfressen. Deshalb plädiert er für eine Haltung, welche den Jugendlichen das Gefühl gibt, nicht alleine zu sein. All die im Rahmen der Kampagne geplanten Aktionen sollen die Hemmschwelle senken, das Gespräch zu suchen.

Statistiken und die Tatsache, dass Innerrhoden gemessen an der Bevölkerungszahl die höchste Suizidrate hat, will Pfarrer Lukas Hidber nicht weiter kommentieren. «Statistiken spielen keine Rolle. Ich sehe die Schicksale, Hilfeschreie, Ohnmacht, die dahinter stehen. Am Schluss ist jeder Einzelfall einer zu viel.»

Appenzeller sollen über Suizid reden

Jahrelang wiesen die beiden Appenzeller Kantone landesweit die höchsten Suizidraten auf. Noch immer liegen die Zahlen über dem Schweizer Schnitt. Verschiedene Massnahmen sollen Abhilfe schaffen. Der Erfolg stellt sich langsam ein.
Noemi Heule