Sucht nach Geschichten

Neulich habe ich das Kinderzimmer meiner Nichte inspiziert. Sie war nicht zu Hause, ich konnte also in aller Seelenruhe untersuchen, was eine Zehnjährige heutzutage so beschäftigt. Beim Schreibtisch blieb ich hängen.

Michael Genova
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Appenzeller Verlag (Bild: Michael Genova)

Appenzeller Verlag (Bild: Michael Genova)

Neulich habe ich das Kinderzimmer meiner Nichte inspiziert. Sie war nicht zu Hause, ich konnte also in aller Seelenruhe untersuchen, was eine Zehnjährige heutzutage so beschäftigt. Beim Schreibtisch blieb ich hängen. Besser gesagt, bei einer gefährlichen Konstruktion, die umzustürzen drohte. Ich zählte nach: 17 Bücher hatte sie dort zu einem schiefen Turm aufeinandergetürmt. «Sie war gerade in der Bibliothek», kommentierte meine Schwester trocken.

Auf den Buchumschlägen dominierten die Farben Rosa und Hellblau. Auffallend war auch die Vorliebe für Buchserien: «Julie und Schneewittchen» oder «Julie und das Herzschlamassel». Im Zentrum der Geschichten stehen die Höhepunkte und Tiefpunkte in Julies Leben. Eine ihrer Erkenntnisse: «Man sollte dem nettesten Jungen der Welt nicht unbedingt in einem ultrahässlichen Polynachthemd begegnen.»

Hoch im Kurs steht auch die «Glücksbäckerei» von Kathryn Littlewood. In den Geschichten geht es um magische Verschwörungen und magische Prüfungen. Glücksbäckerin Rose kämpft gegen Mr. Butter, der mit einem Zaubergebäck die Weltherrschaft an sich reissen will. Doch Rose wehrt sich mit List und Tücke und beweist: «Kuchen kann die Welt verändern.»

Auch ich liebte Serien. Ich verschlang alle Abenteuer von Tarzan, Karl Klösschen und Gaby, der Pfote. Ich klapperte die Bibliotheken nach den seltenen Folgen der «Drei Fragezeichen» ab. Und in der Pfarreibibliothek in Herisau entdeckte ich die dänische Jugendbuchserie «Jan als Detektiv». 81 Bände veröffentlichten die Autoren Knud Meister und Carlo Andersen zwischen 1942 und 1964. Auf Deutsch erschienen sind nur 33 Bände – leider.

Im Zimmer meiner Nichte begann es mir zu dämmern. Serienleser gab es lange vor den Serienglotzern. «Binge Watching», zu Deutsch Komaglotzen, nennen die Amerikaner heute etwas despektierlich das Konsumverhalten der Netflix-Generation. Das ist zu platt, denke ich, während ich durch meine Filmliste in der Netflix-App scrolle. Treffender wäre: «Sucht nach Geschichten».