Suchen und finden

Als Kind war mir beim Versteckspiel immer etwas unwohl.

Christine König
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Bild: Christine König

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Als Kind war mir beim Versteckspiel immer etwas unwohl. Ich befürchtete nämlich, entweder diejenige zu sein, die niemanden findet (und alle kichern in ihren Verstecken hinter vorgehaltener Hand) oder diejenige, die nicht gefunden wird (und das war fast noch schlimmer). Da kauerte ich dann regungslos hinter der Scheiterbeige, dumm und einsam und verlassen. Natürlich waren das nur Hirngespinste: Ich habe meine Gspänli immer gefunden, sie mich noch viel eher. Und alles war gut.

Das Erwachsenenleben, so scheint es mir, ist manchmal auch nichts anderes als ein Versteckspiel. Wir verstecken Osterhasen im Blumenbeet und unsere Problemzonen unter kaschierenden Kleidern. Wir verstecken unschöne Geschenke, die wir bekommen haben, nicht behalten wollen, aber auch nicht entsorgen dürfen, weil sie im richtigen Augenblick zur Schau gestellt werden müssen. Wir verstecken unsere Gefühle, um uns vor unseren Mitmenschen ja nicht zu entblössen, weil da kauerten wir dann regungslos, dumm, einsam und verlassen (und alle kichern hinter vorgehaltener Hand – Hirngespinste!).

Und wir suchen. Wir suchen unsere Schlüssel in der Tiefe der Handtasche, eine Beige Notizen, die wir eben noch auf dem Pult gesehen haben, eine E-Mail, die durch Zauberhand in den Papierkorb gerutscht ist. Wir suchen einen Platz, an dem wir uns wohl fühlen und einfach so sein können, wie wir sind. Wir suchen Freunde, denen wir uns anvertrauen können, die grosse Liebe, das perfekte Glück.

Wir verstecken und verstecken und wir suchen und suchen – und müssen bei diesem Spiel bloss aufpassen, dass wir uns selbst noch finden.

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