Stressfrei sterben: Thema Weideschlachtung stösst im Appenzellerland auf Interesse

Die Weideschlachtung soll den Tieren den stressigen Transport zum Schlachthof ersparen. Die Appenzeller Bauern sehen in dieser alternativen Methode eine Chance. Es gibt aber auch Hindernisse.  

Claudio Weder
Hören
Drucken
Teilen
Vom Hochsitz aus wird der Betäubungsschuss abgegeben.

Vom Hochsitz aus wird der Betäubungsschuss abgegeben. 

Bild: Gabriela Müller/Keystone

Bei einer Weideschlachtung geht alles ganz schnell. Aus kurzer Distanz fällt der Betäubungsschuss. Es bleiben 90 Sekunden, um das betäubte Rind mit einer entsprechenden Vorrichtung an den Füssen hochzuheben, ihm die Halsschlagader zu durchtrennen und es ausbluten zu lassen. Unmittelbar danach wird der Schlachtkörper zur weiteren Verarbeitung in ein nahegelegenes Schlachtlokal transportiert.

Das Schlachten von Tieren auf dem eigenen Hof ist heute nur für den Eigengebrauch erlaubt, sagt Sascha Quaile, Kantonstierarzt beider Appenzell. «Die Weide- und Hoftötung für Fleisch, welches in den öffentlichen Kanal gelangen soll, ist zur Zeit nicht möglich.» Das könnte sich bald ändern: Am 5. Dezember 2018 hat der Zürcher Landwirt Nils Müller die zehnjährige gesetzliche Bewilligung für die Weideschlachtung auf seinem Hof erhalten. Das Forschungsinstitut für Biologischen Landbau (FibL), das ihn dabei massgeblich unterstützte, schrieb von einem «Sieg für den Tierschutz». Nun könnte gemäss einer Mitteilung auch die Schlachtverordnung abgeändert werden – womit das Betäuben und Entbluten von Rindvieh auf dem Herkunftsbetrieb in der Schweiz gesetzlich verankert wäre.

Könnte die Weideschlachtung auch für die Appenzeller Bauern eine alternative Schlachtmethode sein? Gemäss Sascha Quaile sind bislang keine Bewilligungsgesuche beim Veterinäramt eingegangen. Dennoch wird das Thema auch im Appenzellerland diskutiert – so etwa kürzlich innerhalb des Biorings Appenzellerland.

Auswirkungen auf Fleischqualität

Die Tiere sollen den letzten Tag in ihrem Leben stressfrei erleben können, so das Ziel der Weideschlachtung. Stress erleiden die Tiere gemäss FibL nicht nur beim Transport zum Schlachthof, sondern auch beim Separieren von der Herde, Verladen auf den Transporter oder beim anschliessenden Befestigen für die Betäubung auf dem Schlachthof. Bei einer Weideschlachtung hingegen falle dieser belastende Schritt weg, da mehrere Rinder in die Weidekoppel gebracht werden und das zu schlachtende Tier erst vor dem Schuss ausgewählt wird.

Für Albert Neff, Präsident des Biorings Appenzellerland, bringt diese alternative Schlachtmethode sowohl Chancen als auch Hürden mit sich. Weideschlachtungen könnten gerade für Mutterkuh-Betriebe mit Direktvermarktung eine Chance sein, sagt er:

«Weil das Tier weniger Stress erleidet, wird letztlich auch die Fleischqualität verbessert.»

Neff nennt aber auch Nachteile: «Bei einer Schlachtung auf dem eigenen Betrieb müsste ein Tierarzt anwesend sein. Dies wäre mit hohen Kosten verbunden.»

Philip Fässler, Präsident des Fleischfachverbandes Appenzellerland, steht der Idee der Weide- und Hofschlachtung etwas skeptischer gegenüber. Er begrüsse zwar alle Bestrebungen, die dem Wohl des Tieres dienen. Für ihn sei die Idee allerdings noch nicht ganz zu Ende gedacht.

Dass durch die Vermeidung von Stresssituationen eine potenzielle Steigerung der Fleischqualität erzielt werden könnte, sei aus Sicht der Fleischbranche zwar durchaus positiv zu beurteilen. «Um die Qualität des Fleisches aber tatsächlich zu verbessern, ist es auch wichtig, dass die Betäubung sowie die anschliessende Entblutung des Tieres korrekt vorgenommen werden», sagt Fässler. Zudem glaubt er nicht, dass die gesetzlich vorgeschriebene Zeit zwischen der Entblutung und der weiteren Verarbeitung des Schlachtkörpers im Schlachthof auch immer eingehalten werden kann.

Bio-Schaumetzgerei wird geprüft

Ähnliche Punkte nennt auch Beat Brunner, Präsident des Ausserrhoder Bauernverbands. Wer von den Ausserrhoder Landwirten hier mitmachen würde, kann Brunner nicht sagen. «Es hängt natürlich stark von den Kosten und dem Gesamtkonzept ab – und darüber wissen wir noch nichts.» Kosten würden seiner Meinung nach vor allem für die Infrastruktur anfallen. Diese hätte auch hohe Anforderungen zu erfüllen:

«Eine Hofschlachtung bedingt eine ausgeklügelte Infrastruktur, da der Schlachtkörper innert kürzester Zeit ausbluten muss und auch das Ausnehmen des Tieres innert einer definierten Zeitspanne geschehen muss.»

Da die Hofschlachtung nur für Rindvieh zugelassen wäre, müsste zudem eine Lösung für Schweine und Kleinvieh gefunden werden, so Brunner. Brunner persönlich begrüsst die Weideschlachtung gerade auch in Verbindung mit der als Idee im Raum stehenden Bio-Schaumetzgerei in Heiden. Letztere wird derzeit vom Gemeinderat als eine Nutzungsvariante des leer stehenden Schlachthauses an der Brunnhaldenstrasse geprüft. Ziel ist, die lokale Landwirtschaft mit innovativen Ideen zu stärken und mit dem lokalen Gewerbe vernetzen zu können.