Strassenkunst
«Ich will einen Moment des alltäglichen, unaufgeregten Lebens festhalten»: Wie Künstlerin Harlis Schweizer Hadjidj auf der Dorfstrasse von Bühler die Welt wiederfindet

Für ihr Projekt «Passage» spricht die Künstlerin Harlis Schweizer Hadjidj in Bühler spontan Passanten an und fragt sie, ob sie sie zeichnen dürfe. Die Porträts werden dann auf Hauswänden oder Mauern entlang der Hauptstrasse platziert. Die Reaktionen darauf sind unterschiedlich.

Lea Sager
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Die Porträts sind gerade so gross, dass sie in die Kunstmappe passen.

Die Porträts sind gerade so gross, dass sie in die Kunstmappe passen.

Bild: Lea Sager

Die vergangenen Monate sind geprägt von abgesagten Anlässen. Aber auch spontane Begegnungen im öffentlichen Raum sind spürbar zurückgegangen. Harlis Schweizer Hadjidj fehlen diese ungezwungenen Treffen und Gespräche auf Spielplätzen, beim Einkaufen oder im Dorf. Denn für die hauptberufliche Künstlerin waren diese eine grosse Inspirationsquelle. «Ich vermisse dieses spontane Kommen und Gehen, ohne zu wissen, wen man trifft oder eben nicht», sagt sie.

Harlis Schweizer ist vor vier Jahren von St. Georgen nach Bühler gezogen. Eine Entscheidung, die sie nicht bereut. «Bühler wird unterschätzt», meint sie. «Es ist nicht nur ein Durchfahrtsort, wie viele sagen, sondern hat viel mehr zu bieten.» Die befahrene Hauptstrasse spalte das Dorf zum einen und sei zum anderen ein Ort der Begegnung. Oft sehe sie beim Vorbeifahren immer wieder dieselben Leute, die sich der Strasse entlang bewegen.

«Ich fragte mich: Was sind das für Leute? Wohin gehen sie? Woher kommen sie? Und was machen sie hier?»

«Während wir gehen, warten oder uns mit jemandem am Strassenrand unterhalten, werden wir Teil einer Landschaft, eines Standbildes», erklärt die Künstlerin. In ihrem neuen Projekt «Passage» geht es genau darum: Menschen ins Landschaftsbild einfliessen zu lassen. Aber auch die Begegnungen und Gespräche, die sich in diesem Rahmen ergeben, sind Teil der Kunst. «Ich will einen Moment des alltäglichen, unaufgeregten Lebens festhalten», sagt sie.

Diese Frau kam gerade vom Einkaufen zurück, als Harlis Schweizer Hadjidj sie ansprach.

Diese Frau kam gerade vom Einkaufen zurück, als Harlis Schweizer Hadjidj sie ansprach.

Bild: PD

Unterschiedliche Reaktionen

Spontan spricht Harlis Schweizer Hadjidj Passanten an und fragt, ob sie sie zeichnen und das Bild auf Hauswänden oder Mauern entlang der Hauptstrasse platzieren dürfe. Ausschlaggebend für die Künstlerin seien Gesichtsausdrücke, ein freundliches Lächeln beispielsweise, die Kleidung oder der Gang einer Person. Einige der gemalten Personen habe sie bereits gekannt. Oft waren es auch fremde. Schweizer Hadjidj erzählt:

«Ich muss mich oft überwinden, Fremde auf der Strasse anzusprechen, wie etwa den Dorfbewohner, der täglich auf der Sitzbank gegenüber des Bahnhofs sitzt.»

Die Reaktionen seien sehr unterschiedlich gewesen. Während manche überhaupt nicht begeistert waren, liessen sich einige nach genauerer Erklärung des Projekts zeichnen oder - wer nicht so viel Zeit hatte - fotografieren. «Einige waren anfangs skeptisch, angesichts des fertigen Porträts aber mehrheitlich begeistert.» Bei den entstandenen Gesprächen habe die Künstlerin vieles über die Vielseitigkeit und den kulturellen Reichtum der Leute im Dorf erfahren. Auch diesen Austausch dokumentierte Harlis Schweizer Hadjidj in ihrem Notizbuch.

«Dieses Projekt hat mir nochmals klargemacht, dass es nicht nur das Aussehen ist, woran man eine Person erkennt, sondern auch die Haltung oder der Gang.»

Hauswände statt Bilderrahmen

«Passage» zeigt die Porträts verschiedenster Leute mit unterschiedlichen Hintergründen, getragen von einer individuellen Geschichte. Sie werden als Fotokopien, die von der Firma «Signer Druck» gesponsert werden, ungefähr an dem Ort angebracht, wo die Begegnung stattgefunden hat. Dazu fragte Harlis Schweizer Hadjidj auch die Hausbesitzer persönlich an, ob sie ihre Bilder an der Hauswand oder einem privaten Brunnen abringen dürfe. Nicht selten haben sich dabei Schwierigkeiten durch Sprachbarrieren ergeben. Zudem seien viele Häuser an der Hauptstrasse vermietet und die Hauseigentümer nicht persönlich erreichbar gewesen. Auch diese Erfahrungen wurden dokumentiert. Die meisten Hausbesitzer zeigten sich aber unkompliziert und stellten ihre Hauswand gerne zur Verfügung.

Diese Frau ist an der Mauer eines Schweinestalls im Steigbach zu sehen.

Diese Frau ist an der Mauer eines Schweinestalls im Steigbach zu sehen.

Bild: PD
«Die Porträts sind mit Fischkleister aufgeklebt und lassen sich spurlos entfernen. In spätestens zwei Monaten werde ich sie wieder einsammeln.»

Mit dieser speziellen Form von Streetart will Harlis Schweizer Hadjidj den Blick von der Strasse auf unscheinbare Mauern, Hauswände, Pfosten, Container und Ställe lenken, die wie die Menschen zum Landschaftsbild gehören. Zudem sei es ihr ein Bedürfnis, gerade jetzt, in Zeiten, in denen alles online läuft, rauszugehen und genauer hinzuschauen. Die Bilder sind ab der Bahnstation Steigbach, der Hauptstrasse entlang bis zum Dorfausgang in Richtung Gais zu sehen. Die Künstlerin sagt:

«Die Bilder sind für jede und jeden zugänglich und sollen zeigen, dass Kunst nicht zwingend teuer oder in einen Rahmen verpackt sein muss.»

Am 14. Februar ist ein öffentlicher Artwalk und -talk geplant, zu dem jeder eingeladen ist, gemeinsam der Hauptstrasse entlang zu laufen und sich das vollendete Projekt mit allen angebrachten Bildern anzusehen. «Passage» ist ausserdem ein Teil von «App'n'cell Now», einer Ausstellung mit über 60 Künstlerinnen und Künstlern, die einen Einblick in die Reichhaltigkeit und Vielfältigkeit der zeitgenössischen Kunstszene im Appenzellerland gibt. In diesem Rahmen werden die aufgeklebten Porträts von Fredi Schefer fotografiert. Ob die Bilder jedoch in der Kunsthalle Ziegelhütte in Appenzell gezeigt werden, ist noch offen.

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