Sonnengesellschaft Speicher feiert Jubiläum: Die älteste Lesegesellschaft des Kantons gibt es seit 200 Jahren

Die Sonnengesellschaft Speicher feiert Jubiläum. Ihre Aktivitäten hatten grosse Auswirkungen auf die Entwicklung der Gemeinde.

Astrid Zysset
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Peter Abegglen ist seit zehn Jahren Präsident der Sonnengesellschaft Speicher. Im heutigen Gasthaus Krone tagte die Gesellschaft über längere Zeit hinweg.

Peter Abegglen ist seit zehn Jahren Präsident der Sonnengesellschaft Speicher. Im heutigen Gasthaus Krone tagte die Gesellschaft über längere Zeit hinweg. 

Bild: Astrid Zysset

Es ist eine aufwendige Arbeit, der sich Peter Abegglen, Präsident der Sonnengesellschaft Speicher, angenommen hat: Die bis zu 2000 Vorträge und Lesungen, welche die Gesellschaft seit 1820 durchgeführt hat, trägt er zusammen. Er seufzt: «Es ist gar nicht einfach, die verschiedenen Handschriften zu entziffern.» Zugleich sei es aber spannend, zu erfahren, was die Leute in den vergangenen Jahrhunderten bewegte. Heroische Geschichten wie die Schlacht bei Sempach, Biografien von Bürgermeistern, Verfassungsfragen oder auch die Luftschifffahrt waren Gegenstand von Lesungen. Noch ist Abegglen nicht am Ende mit der Auflistung. «Aber was ich bisher zusammen getragen habe, erlaubt einen kleinen Einblick in die Vergangenheit der Sonnengesellschaft.»

Allerdings nur einen kleinen. Die Sonnengesellschaft Speicher ist die älteste Lesegesellschaft des Kantons – heuer feiert sie ihr 200-jähriges Bestehen. Der Einfluss, den sie einst auf Gesellschaft und Politik ausübte, war gewaltig. Noch heute geniesst sie einen guten Ruf. «Andere Gemeinden haben einen schönen Dorfplatz oder Silvesterchläuse. Wir haben die Sonnengesellschaft», sagt Abegglen stolz. Zum Jubiläum findet ab morgen im Museum für Lebensgeschichten Speicher eine Ausstellung statt, die einen geschichtlichen Rückblick umfasst wie auch Persönlichkeiten in den Fokus rückt. Zudem wurde auf das 200-jährige Bestehen hin eine Chronik verfasst.

Lange Zeit eine geschlossene Gesellschaft

Zur Gründung 1820 herrschte eine Zeit des Umbruchs. Die Hungerjahre, der Wiener Kongress wie auch die Helvetik hallten nach. Die politischen Strukturen waren aufgebrochen, eine Zeit des liberalen Freigeistes herrschte vor. Der einstige Landesfähnrich Johann Heinrich Tobler lebte damals in Speicher und war auf der Suche nach Gleichgesinnten, nach politisch Interessierten, mit welchen er sich über die aktuelle Lage austauschen konnte. Das gleiche Interesse verfolgte Johann Ulrich Zuberbühler, Textilkaufmann, Ratsherr und Mitgründer der Ersparniskasse Speicher. Georg Leonhard Schläpfer, ebenfalls Ratsherr, Gründer der Ersparniskasse sowie ein Mann, der sich zeitlebens für die Notleidenden in der Gemeinde einsetzte, war der Dritte im Bunde, der die Gründung der Sonnengesellschaft anstiess. Insgesamt zwei Dutzend Männer fanden sich fortan zusammen, teilweise aus reicher Familie stammend. Die Treffen fanden wöchentlich in der «Sonne», dem heutigen «Spycherstöbli» statt. Das Ziel der Gesellschaft: Bildung und Belehrung sowie die Förderung gemeinnütziger und wohltätiger Zwecke. Ab 1823 fingen die Männer an, Referate vorzutragen. «Die Sonnengesellschaft fungierte lange als geschlossene Gesellschaft», so Abegglen. Erst viele Jahrzehnte später wurden die Veranstaltungen für Nicht-Mitglieder zugänglich.

Trotz der Treffen hinter verschlossenen Türen hatte die Gesellschaft eine grosse Aussenwirkung. Gemäss Abegglen wurden auf deren Initiative hin verschiedene Einrichtungen geschaffen, um Armut und Not zu lindern. Daraus entstanden letztlich die Armenfürsorge wie auch das Waisenhaus, mit welchem die Trennung der (Kinder-)waisen von den erwachsenen «Armen» vollzogen wurde. Seit Beginn hat sich die Sonnengesellschaft für Bildungs- und Schulfragen eingesetzt, zunächst mit Unterrichtsstunden für Schulentlassene, um 1833 mit der Gründung einer Mädchenarbeitsschule oder 1840 mit der Gründung einer Kleinkinderschule (Kindergarten) und dem Anstoss zum Bau eines Schulhauses für die Realklassen. Selbst für die Lehrerfortbildung und die Beschaffung von Unterrichtsmaterial setzten sich die «Sonnenmänner» ein. «Eine Verstaatlichung des Bildungs- oder Fürsorgewesens gab es erst ab 1870. Die Sonnengesellschaft hatte viele dieser Aufgaben bis zu diesem Zeitpunkt übernommen», sagt Abegglen. Mehr noch: 1831 wurde eine «Anstalt zur Beförderung der Kartoffelanpflanzung» gegründet, welche ausreichend Nahrung für unbemittelte Bewohnerinnen und Bewohner sicherstellte. Zum Jubiläum der Sonnengesellschaft in diesem Jahr wird nebst andern Aktivitäten im Dorf denn auch ein Kartoffelacker erstellt. Am Jahrmarkt findet zusammen mit den lokalen Bauern ein Anlass zum Thema «Ernährung früher – Ernährung heute» statt, bei dem die Kartoffelernte auch eine Rolle spielt.

Der Einfluss der Sonnengesellschaft war lange Zeit gross. Überliefert ist nur wenig, was nicht gelang. Einzig die Anläufe zur Bekämpfung des «Wirtshausübels» und die Schaffung einer Badeanstalt scheiterten.

Um dem Anspruch der Wissensmehrung gerecht zu werden, waren die Mitglieder verpflichtet, ihre privat abonnierten Zeitschriften bei den Treffen der Sonnengesellschaft aufzulegen, damit andere zu zusätzlichem Lesestoff kamen. Auch wurden Bücher angeschafft. Gemäss Abegglen entstand über die Jahre eine Bibliothek, die bis zu 1600 Publikationen umfasste. 2003 wurde sie schliesslich aufgelöst. Ein fixer Standort fehlte. Einzelne Bücher nahm die Kantonsbibliothek in ihren Bestand auf, der Rest wurde verkauft, versteigert oder entsorgt.

So viele Mitglieder wie noch nie

Heute umfasst die Sonnengesellschaft rund 200 Mitgliedschaften. So viele wie seit Bestehen noch nie gezählt wurden. «Viele sind jedoch aus Solidarität Mitglied», präzisiert Abegglen. Zu den Veranstaltungen kommen jeweils bis zu 20 Personen. Trotzdem: Die Mitgliederzahl – mittlerweile sind auch Frauen zugelassen – ist beeindruckend. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts hat sie kontinuierlich zugenommen. Der Präsident der Sonnengesellschaft freut sich über den Zuspruch. Zumal dieser nicht immer gegeben war. Zwischen 1865 und 1870 führte die Gesellschaft kaum Vorträge oder Lesungen durch. Grund: fehlendes Interesse. Bei lediglich sechs oder sieben Zuhörern wurde auf die Vorträge verzichtet. «Damals stand die Weiterführung der Sonnengesellschaft auf der Kippe», so Abegglen. Heute dürfte der Fortbestand gesichert sein. «Sicherlich für die nächsten 50 Jahre», sagt der Präsident mit einem Lächeln. Heute tritt die Gesellschaft anders in der Öffentlichkeit in Erscheinung als zu ihren Anfängen. Sie hat das Patronat für die Internetseite wikispeicher.ch übernommen – das kulturelle Gedächtnis Speichers. Und Vorträge halten Personen aus der Gemeinde.

Die Vernissage der Ausstellung wurde abgesagt. Die Ausstellung ist jedoch ab morgen Sonntag zugänglich.