Chemielaborant, Biogemüsehändler, Wirt: Steiniger Weg zur Erfüllung

Ueli Künzle kann auf eine facettenreiche Biografie zurückblicken. Er war Chemielaborant, Biobauer erster Stunde, Gastwirt in Trogen und Zellennachbar von Bruno Manser.

Charlotte Kehl
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Ueli Künzle im Gasthaus Schäfli.

Ueli Künzle im Gasthaus Schäfli.

Bild: Michel Canonica

Das Bauern wurde Ueli Künzle nicht in die Wiege gelegt, das Wirten auch nicht. Im Gegenteil: Es war ein zum Teil steiniger und langer Weg vom Chemielaborant bis zum «Schäfli»-Gastwirt und Biogemüsehändler. In erster Linie sieht sich der Trogner aber als Biobauer. «Dahinter stehe ich», sagt er mit Überzeugung. «Meine Ehefrau Madeleine und ich haben in mancherlei Hinsicht anders gelebt als die meisten. Nicht weil wir uns das ausgesucht haben, sondern es war die logische Umsetzung unserer Erkenntnisse und Überzeugungen. Wir haben gelernt, danach zu handeln», sagt er. Das sei nicht immer leicht gewesen, aber es gehöre zu ihnen – sei ihre Identität.

«In unserer Jugend war von Nachhaltigkeit noch nirgends die Rede und der biologische Anbau wurde angesichts der wegweisenden Erfindungen der Chemie belächelt», erzählt er. Anfänglich war auch Ueli Künzle stolz, als Laborant in der Forschungsabteilung einer Basler Chemiefirma bahnbrechende Psychopharmaka in den Händen halten zu dürfen. Viel später erfuhr er, dass damit in Münsterlingen Versuche an Menschen durchgeführt wurden. Seine Frau lernte damals in der Abteilung für Pflanzenversuche Entlaubungsmittel kennen. Den beiden dämmerte bald: Das Chemielabor bot für sie keine Heimat.

Als Militärdienstverweigerer ins Gefängnis

Es war nicht das letzte Mal, dass Ueli Künzle aus persönlicher Überzeugung handelte. Nach 150 Diensttagen wurde er zum Militärdienstverweigerer geworden. «Ich hatte es versucht», verteidigt er sich, «aber wenn man diese Rekrutenschule erlebt hat und nicht mit dem Denken aufhören wollte, dann gab es nur eine Konsequenz für mich». Das war für die junge Familie nicht ganz einfach. Ihm wurden vier Monate aufgebrummt, drei davon musste er Gefängnis absitzen. Dass in der Nebenzelle Bruno Manser sass, sei nur nebenbei erwähnt. Als Alternative zum Militärdienst machte er Einsätze beim Internationalen Zivildienst SCI, einer Organisation, welche soziale Freiwilligendienste organisierte. Im Jura sollte auf einem Bauernhof ein Projekt mit Drogenabhängigen entstehen und Ueli Künzle sollte es leiten. «Leider kam es nicht zu Stande» bedauert er, «aber für uns war die Idee geboren, es als Bauern versuchen zu wollen und zwar ohne Chemie». Das war 1974.

Beide hatten von der Landwirtschaft keine Ahnung. So sassen sie mit dem Buch in der Hand im Garten und probierten aus, entdeckten und lernten dabei eine Menge. Es klappte ganz gut. «Im zweiten Jahr konnte ich sogar mit unserem Gemüse auf den Markt fahren», sagt er. Es blieb nicht bei der kleinen Pacht im Jura. Der Hof wurde verkauft. «Darauf hin bot sich mir die Möglichkeit, den biodynamischen Landbau auf einem Hof in Busswil bei Langenthal von der Pike auf zu lernen – mit Kartoffeln, Getreide, Gemüse sowie Rindvieh inklusiv Arbeitsrossen. Das hat mir sehr viel gebracht.»

Ueli und Madeleine Künzle hatten aber nicht immer Glück. Vielversprechende Projekte lösten sich in Luft auf, oder zerbrachen an den Umständen bis die Familie im Tobel in Trogen einen Bauernbetriebs kaufen konnte. Auch dort reichte der Ertrag nicht für die inzwischen siebenköpfige Familie. Lange Zeit fuhr Ueli Künzle täglich mit dem Velo nach Lustmühle zu einer Heilmittelfirma, wo er als Fabrikationsleiter arbeitete. Diese Firma wurde aufgelöst. Seine Idee, mit den verbleibenden Maschinen und Rezepten selber etwas herzustellen nach dem Motto «Vom Garten in die Flasche» scheiterte an den riesigen Auflagen und Vorschriften. Also liess der findige Allrounder seine eigenen Produkte bei einer Firma herstellen und übernahm deren Vertrieb. Das war 15 Jahre lang ein lukrativer Nebenverdienst mit wenig Aufwand.

Die rechtlichen Seiten der Landwirtschaft studiert

Wissbegierig blieb Ueli Künzle sein Leben lang. Vor einigen Jahren studierte er an der Uni Luzern Agrarrecht. «Nichts ist in der Schweiz so extrem reglementiert wie die Landwirtschaft, auf Bundes- sowie auf Kantonsebene. Da möchte ich mich auskennen», sagt er. Sein juristisches Wissen ist gefragt, zum Beispiel beim Hinterwälder Viehzucht Verein, bei dem Künzle im Vorstand sitzt. Die Rindviehrasse, eher klein und wendig, eignet sich für den steilen und feuchten Boden in der Region besonders gut.

Der Trogner ist zudem Vorstandsmitglied bei «Schweizer Bergheimat», einem gemeinnützigen Verein, der Bio-Bergbauern unterstützt, Bauernsekretär und ehemaliger, langjähriger Delegierter beim Dachverband Bio Swiss.

Familie führt Restaurant

Das mit dem Gasthaus Schäfli war Madeleines Künzles Idee. Ein leer stehendes Restaurant tue Trogen nicht gut, meinte die einstige Wirtetochter. Ein halbes Jahr später war die Familie Eigentümerin eines Restaurants, der älteste Sohn Küchenchef, Madeleine Künzle besorgt die Zimmer, und seit einem halben Jahr leitet Sohn Beni das Restaurant. Den Bauernhof hat der Jüngste übernommen und bald schon gegen einen grösseren, flacheren im Unterland eingetauscht. Biogemüse liefert er weiterhin, Ehrensache.

Ueli Künzle ist für die Buchhaltung und das Beschaffen von Gemüse zuständig. Das macht er nicht nur fürs Gasthaus Schäfli, sondern für alle Trogenerinnen und Trogner, die den Laden am Hinterdorf finden. Von Anfang an gehörte die Stobete zum Kulturprogramm des «Schäflis». Viermal im Jahr treffen sich Musikerinnen und Musiker aus dem Appenzellerland. Ein grosses treues Fanpublikum freut sich neben der musikalischen auch auf die kulinarische Kost, sprich – die legendären Wurschtweggen.