STEIN: Religion erfahrbar machen

Die Kirche soll ein Begegnungsort sein, wünscht sich Irina Bossart. Am Sonntag erfolgt die Amtseinsetzung für die neue Pfarrerin in der reformierten Kirche.

Andy Lehmann
Drucken
Teilen
Irina Bossart hält eine Luther-Bibel aus dem Jahr 1776 in Händen. (Bild: Andy Lehmann)

Irina Bossart hält eine Luther-Bibel aus dem Jahr 1776 in Händen. (Bild: Andy Lehmann)

Andy Lehmann

andreas.

lehmann@appenzellerzeitung.ch

«Ich habe mit dem Appenzellerland meine berufliche Wunschdestination gefunden», freut sich Irina Bossart. Diesen Sonntag findet in der reformierten Kirche Stein der Einsetzungsgottesdienst für die neugewählte Pfarrerin statt. Mit dem Appenzellerland verbunden ist die im St. Gallischen Buchs aufgewachsene Irina Bossart von Kindsbeinen an. Sie erinnert sich gerne an die Wanderungen mit der Familie im Alpstein. «Wir alle waren Fan vom ‹Ländli›, und ich habe heute noch Zeichnungen meiner Zwillingsschwester mit Appenzeller Motiven.» Mit 13 Jahren wollte Irina Bossart das Elternhaus verlassen; sie durfte dann in der Innerschweiz das Gymnasium besuchen. «Die Zeit im Gymi war toll. Besonders Theaterspielen und Musizieren gefielen mir sehr», sagt Bossart. Mitte der 80er-Jahre weckte die Befreiungstheologie ihr Interesse an der kirchlichen Welt. Insbesondere der bis heute nicht aufgeklärte Mord am Schweizer Theologen Jürg Weis 1988 in El Salvador beschäftigte sie. Weis hatte sich für Frieden und Gerechtigkeit eingesetzt. Obwohl Bossart damals schon an ein Theologiestudium dachte, liess sie sich zuerst als Textil- und Werklehrerin ausbilden, um einen Beruf zu haben. Sie studierte dann zunächst Geschichte, deutsche Literatur und Volkskunde. «Hier fand ich eher die Themen, die mich interessierten.» Obwohl viele Freunde den Pfarrberuf ausüben, war für Irina Bossart lange nicht klar, ob sie diesen Weg einschlagen wollte. Schlussendlich gaben das Bedürfnis für einen Neustart nach 15 Jahren Unterrichtstätigkeit am Gymnasium sowie das Bündeln ihrer mannigfaltigen Interessen den Ausschlag, das einjährige Vikariat in Basel zu beginnen. Auch wenn sie bisher nebst der beruflichen Arbeit viele Projekte gleichzeitig am Laufen hatte, etwa Frauenstadtrundgänge oder Museumsführungen, sei sie gerne gut vorbereitet unterwegs. Sie rechne sich stets genügend Zeit für die Planung ein, so Bossart und fügt an: «Ich habe eine Pfarrkollegin, welche jeweils am Samstagabend die Predigt für den Sonntag schreibt. Das könnte ich nicht.»

Irina Bossart wird in einem 70-Prozent-Pensum für die Kirchgemeinde Stein tätig sein. «Ich bin froh, dass dies möglich ist. Das gibt mir Raum, um neue Ideen für kirchliche Projekte zu entwickeln. Zudem bleibt mir hoffentlich mehr Zeit, um Musik zu machen», sagt die 48-Jährige. Dass die Kirchgemeinde Stein eine Kooperation mit Teufen anstrebt, wertet Irina Bossart positiv, und sie freut sich auf eine Zusammenarbeit. Im Gegensatz zur Nachbargemeinde hat Stein kein Kirchgemeindesekretariat. Nebst der administrativen Unterstützung soll unter anderem die Senioren- und Jugendarbeit gemeinsam bearbeitet werden. Auch bei Projekten, welche über das Tagesgeschäft hinausgehen, möchte man sich gegenseitig unterstützen. Für die neue Steiner Pfarrerin ist aber nicht nur diese Kooperation wichtig, sondern auch die ökumenische Zusammenarbeit. Irina Bossart hat kürzlich den Erntedankgottesdienst in Haslen mit dem katholischen Pastoralassistenten Johannes Epp gestaltet.

Die Religion ist unser ständiger Begleiter

«Ich möchte das, was mich am Evangelium fasziniert, erfahrbar machen. Ich wünsche mir, dass die Kirche lebt und dass viele Menschen aktiv daran teilnehmen und sie mitgestalten. Das kann auch ausserhalb des Gottesdienstes sein, denn Religion findet ja nicht nur am Sonntag statt.» Irina Bossart beteiligt sich unter anderem auch beim Leseprojekt der Schule. «Am 10. November, Luthers Geburtstag, ist die Kirche in Stein Teil der Lesenacht. Ich freue mich sehr darauf, denn das ‹Buch der Bücher›, die Bibel, ist ein Ur-Dokument unserer Kultur», sagt Bossart. Auf die Frage, wo die Kirche heute stehe, sagt Irina Bossart: «Im Gegensatz zu Afrika und Lateinamerika, wo die Zahl der Gläubigen stetig wächst, befinden wir uns in der Krise. Ich glaube, ein Hauptproblem liegt darin, dass viele Leute die Sprache der Kirche nicht mehr verstehen. Ihre Botschaft löst keine Resonanz aus, dabei ginge es um die grossen Themen des Menschseins: Scheitern und Neuanfang, Angst und Vertrauen, Leiden und Heilsein, Streit und Versöhnung, Liebe und Tod, aber auch um Träume, für die sich zu leben lohnt.»

Für die Steiner Pfarrerin, die in einer Beziehung mit einem Arzt lebt, heisst es in Stein nun erst mal ankommen, wahrnehmen und dann machen. Sie freue sich auf viele spannende Begegnungen und werde nach einem Weg suchen, um das, was ihr wichtig ist, auch umzusetzen, wie sie selber sagt.