STEIN: Die Faszination des Schnitzens

Schnitzen begleitet Emil Hugener schon sein ganzes Leben. So richtig in Schwung gekommen ist sein Hobby aber erst ab 1991. Seitdem hat er in stundenlanger Arbeit schon viel Senntum geschnitzt.

Martin Brunner
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Beim Schnitzen ist Emil Hugener voll konzentriert. (Bild: Martin Brunner)

Beim Schnitzen ist Emil Hugener voll konzentriert. (Bild: Martin Brunner)

Emil Hugener sitzt in der Werkstatt im Untergeschoss seines Wohnhauses in Stein. Kaum hat er das Schnitzmesser in der Hand, da scheint er die Welt um sich herum zu vergessen. Konzentriert entfernt er Stückchen für Stückchen aus dem Lindenholz. Nach und nach ist zu erkennen, woran er gerade arbeitet. Ein kleines Ohr eines Sennen ist entstanden. «In diesen Momenten habe ich immer genau vor Augen, was herauskommen soll», erzählt er. «Sonst ist es schnell passiert, dass ein Stück abfällt und die Figur nicht mehr brauchbar ist.»

Diese Freude am Schnitzen und am Appenzeller Brauchtum ist es, die einen grossen Teil seiner Motivation ausmacht. Hugener zeigt auf das Senntum, das er als erstes geschnitzt und behalten hat. Alles ist vorhanden, Kühe, Ziegen, Bauern und Sennen, Lediwagen, Schweine und so weiter. Sie alle sind sorgfältig gestaltet und ebenso sauber bemalt. Nur Ohren, Hörner, Zitzen und Schwänze sind nicht aus Holz. Beinkühe, früher Spielzeuge für die Kinder, stellt er auf die Werkbank. Sie gelingen am besten mit einem Christbaum, am liebsten sechsastig, zwei Äste für die Beine, zwei für die Ohren und zwei für die Hörner. «Gerne wäre ich früher als Bauer auf eine Alp gezogen im Sommer», sagt der 80-Jährige. «Doch das war nicht möglich, weil die Alpen im Alpstein begehrt sind.» So hat er sich halt übers Schnitzen ein Stück Alpleben ins Tal geholt. Und gibt gleichzeitig seine Freude am Brauchtum an andere weiter. Begonnen hat die Schnitzergeschichte von Emil Hugener schon in seiner Primarschulzeit. «Wir durften einen Maikäfer schnitzen», erzählt er. «Ich merkte schon damals, dass mir diese Arbeit recht gut gefällt.» Doch danach geriet das Schnitzen in den Hintergrund, bis der Landwirt selber Kinder hatte. Weil das Geld knapp war, um Spielzeuge zu kaufen, entschied er, mit dem Schnitzen anzufangen. Er begann, für seine zwei Knaben Kühe zu schnitzen. «Das konnte ich aber nur am Abend und in der Nacht tun, denn die Kühe sollten eine Überraschung werden, die am Schluss auch gelang.» Dann aber musste das Schnitzen nochmals Pause machen. Die Arbeit auf dem Hof, die Feuerwehr, der Turnverein und vieles andere beanspruchten zu viel Zeit.

Eigene Art entwickelt

1991 aber übergab Emil Hugener im Alter von 55 Jahren den Hof im Bruggli in Stein an seinen Sohn. Er fand bei Schwarzkopf in St. Gallen eine neue Arbeit. Daneben blieb freie Zeit, die er nutzen wollte. Da lag das Schnitzen auf der Hand. Einen Kurs brauchte er dafür nicht. Sein Hobby kam auch ohne einen solchen richtig in Schwung. «Ich gestaltete seit 1991 regelmässig Senntum und Silvesterchläuse», sagt er. «Bis zu einem halben Jahr und mehr brauche ich für eine ganze Ausstattung.» Dabei entwickelte er seine eigene Art. Das Lindeholz gehört dazu, weil es nicht spaltet und sich deshalb gut schnitzen lässt. Die Kühe beizt er. Da das Holz nicht immer gleich darauf reagiert, erhalten die Tiere verschiedene Brauntöne. Bauern und Sennen bekommen eine bunte Bemalung. Sein Können entging anderen nicht, denn Hugener ist immer wieder für Kurse gefragt. Das bedeutet, dass Emil Hugener auch heute noch oft schnitzt. «Einfach nicht mehr so häufig wie früher. Aber mein Hobby macht mir nach wie vor grosse Freude.»